Es war ein Geschenk, das Japans Premier Shinzo Abe den Machthabern Chinas vor dem Jahreswechsel machte: Er pilgerte zum Yasukuni-Schrein, in dem 2,5 Millionen japanische Kriegstote geehrt werden. Eine Provokation aus Pekinger Sicht. Denn in dem Schrein wird auch 14 hochrangiger von den Alliierten verurteilter Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs gedacht. Für China und Korea stellte Abes Besuch deshalb eine Beleidigung ihrer Millionen Bürger dar, die im Zweiten Weltkrieg Opfer der japanischen Aggression wurden.

Wie zu erwarten, ließ Peking die Gelegenheit nicht verstreichen und keilte zurück: Abe sei in China nicht mehr willkommen, hieß es im Außenministerium. Die Tür zum Dialog sei verschlossen.

Nun greifen Chinas Politiker gern zum Feindbild Japan – in Fragen der Vergangenheitsbewältigung Tokios zu Recht, oft aber auch nur, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken oder innenpolitisch umstrittene Maßnahmen besser durchzusetzen. Hinter dem diplomatischen Streit verbirgt sich jedoch ein tieferer Konflikt, der mit den regional- und machtpolitischen Ambitionen Japans und Chinas zu tun hat.

Abe ist ein Rechtsaußen und Nationalist, der mit dem Yasukuni-Besuch nicht nur seine rechte Klientel bedienen, sondern auch seine militaristischen Anwandlungen bekräftigen wollte. Sein Ziel ist, aus dem seit 1945 von den Alliierten als pazifistischer Staat ausgerichteten Japan wieder eine asiatisches Führungsmacht zu machen. Dazu gehört die militärische Aufrüstung des Landes. Hilfreich ist ihm da der mit China 2012 ausgebrochene Territorialstreit um die Diaoyu-Senkaku-Felseninseln im ostchinesischen Meer, die Tokio kontrolliert, aber Peking ebenfalls beansprucht.

Ziemlich verspätet verkündete Japans Premier nun am Montag an, er wolle China und Südkorea seinen umstrittenen Kriegsschrein-Besuch erklären: "Ich würde gerne einen japanisch-chinesischen und einen südkoreanisch-japanischen Gipfel abhalten." Zwar sei noch kein konkreter Schritt dazu unternommen worden, doch er hoffe auf ein Treffen, um die Meinungsverschiedenheiten über territoriale Streitigkeiten und historische Angelegenheiten zu beseitigen.   

Das Problem mit der Flugidentifikationszone

Doch dafür dürfte es allerdings zu spät sein. Denn Peking verfolgt im Fall Japans spezielle Interessen: Tokio ist ein enger Verbündeter der USA, und die sind im Ost- und Südchinesischen Meer seit 1945 militärisch die Vormacht. Das widerstrebt Chinas Führung zunehmend, weshalb sie 2010 erstmals eigene Ansprüche auf die Hegemonie in den Meeren der Region erhob. 

Ökonomischer Erfolg wie der Chinas in den letzten 30 Jahren führt bei einem Staat dieser Größe zwangsläufig zu wachsendem außenpolitischem Streben. Die militärische Aufrüstung der Volksrepublik hat darin ihren Grund, und in Peking hat man erkannt, dass die Zukunft hier bei der Marine liegt.

In der Praxis macht sich das vor allem in Form eher unterschwelliger Territorialansprüche bemerkbar, meist bei kleineren Archipeln, vor denen Rohstoffe und Fischreichtum vermutet werden. Peking schickt in der Regel keine Kriegsschiffe, sondern Küstenwachenboote. Aufgeschreckt waren die Staaten der Region etwa, als die chinesische Regierung kürzlich gegenüber den Philippinen am sogenannten Scarborough-Riff einen neuen Status Quo herstellte. Das Riff liegt 124 Seemeilen von der philippinischen Hauptinsel Luzon entfernt und befindet sich innerhalb der von dem Inselstaat beanspruchten 200 Seemeilen der Ausschließlichen Wirtschaftszone (EEZ) nach dem UN-Seerechtsabkommen. 2012 begannen chinesische Überwachungsschiffe dort zu patrouillieren und das Scarborough-Riff für philippinische Fischer zu sperren. Heute kontrolliert Peking das Riff.

Allein mit vier der zehn Asean-Mitglieder streitet Peking vergleichbar um Gebiete. Die Anrainer empfinden das verständlicherweise als aggressiv und wenden sich den USA zu, gleichzeitig ist man aber auf gute Beziehungen zur Wirtschaftsmacht China angewiesen. Ein Dilemma für die kleineren Staaten, aber auch eine Herausforderung für die USA, die sich als Schutzmacht der kleineren Länder der Region begreift.

Anfang Dezember kam es dann im Südchinesischen Meer beinah zu einer Kollision eines chinesischen Kriegsschiffes mit einem US-Lenkwaffenkreuzer. Den bisherigen Höhepunkt im Konflikt mit Japan aber provozierte Peking mit der Ausrufung einer Flugidentifikationszone (Air Defense Identification Zone, ADIZ) über dem Ostchinesischen Meer. Nur reicht diese auch über von Japan und Südkorea verwaltete Territorien – zum Beispiel über die Senkaku-Diaoyu-Inseln.