Als Claudia Roa der Farc im elften Jahr diente, 25 Jahre war sie alt, da brachten die Kameraden auch ihr zweites Baby um. Es war der Moment, in dem sie sich zur Flucht entschloss. Erst ein Jahr später kam sie davon.  

Nach der erzwungenen Abtreibung war sie irgendwo im Dschungel stationiert, sie selbst wusste nicht genau, wo. "Niemand hat mir geholfen", sagt sie. Ihren Partner hatten die Kommandanten bewusst in eine andere Einheit versetzt. "Ich habe nichts mehr gegessen, nur noch geweint, wurde krank. Ich wollte bei meinem Kind sein." Nie werde sie vergessen, was damals geschehen sei. Als der schlimmste Schmerz abgeklungen war, "musste ich mich benehmen, als wäre nichts geschehen", erinnert sie sich. "Ich musste sie dazu bringen, mir weiter zu vertrauen. Ich wollte mein Leben nicht riskieren."  

In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft war Claudia Roa als 14-Jährige zu der kolumbianischen Guerilla-Organisation gegangen. "Ich wollte lernen, vorankommen, etwas werden im Leben", sagt sie. Ihre Familie sei sehr arm gewesen. Statt zur Schule zu gehen, musste Roa schon als junges Mädchen für andere Familien kochen und bügeln, um ihre Mutter zu unterstützen. Bei der Farc, habe man ihr versprochen, könne sie lernen, und es werde ihr an nichts fehlen. "Ich habe das geglaubt. Aber als ich dort ankam, war alles ganz anders."  

Schulung in der DDR

Jetzt berichtet sie der Öffentlichkeit, wie sie von der Guerilla um zwölf Jahre ihres Lebens gebracht wurde. Mit Medardo Maturana, einem anderen Aussteiger, und einer Sprecherin der kolumbianischen Regierung besuchte sie vor Kurzem Berlin. Auch Maturana glaubte an eine bessere Zukunft, als er zur Farc ging. Aber es ging es ihm nicht nur um seine eigene: Maturana wollte das ganze Land verändern. "Ich habe schon immer viel gelesen. Irgendwann habe ich die marxistische Literatur entdeckt", sagt der 53-Jährige. 

Und so trat Maturana in den achtziger Jahren in seiner Heimatstadt Medellín der kommunistischen Jugend bei. Die Partei erkannte seine Begabung und schickte ihn auf ihre besten Schulen. Sogar ins Ausland: 1984 ging Maturana für ein Jahr zu Schulungszwecken in die DDR. "Als ich wieder zurückkam, hatte ich die besten Referenzen", sagt er. 

Sagt, er habe als FARC-Chefideologe 23 Jahre verloren: Medardo Maturana © Alexandra Endres

Als Parteifunktionär stieg Maturana schnell auf. Weil er sich bedroht fühlte und "der Raum für die politische Arbeit immer kleiner wurde", trat Maturana 1990 der Farc bei, die sich ebenfalls als marxistisch bezeichnet. Seine Aufgabe war es, die Massen politisch zu schulen. Am Ende war er einer der Chefideologen der Guerilla. Was wollte er erreichen?  Dazu beitragen, "dass die Landbevölkerung sich organisiert und für ihre Rechte kämpft", sagt er. Nur das Volk könne über sein Schicksal bestimmen. "Aber es muss organisiert sein. Das hat schon Lenin gesagt."  

Doch die angeblichen Ideale der Farc erwiesen sich als Trugbild. Nicht nur, weil Analphabeten Führungsaufgaben bekamen und die Front dem Alkohol zusprach, wie Maturana erzählt. Er berichtet auch von Aktionen, die der Zivilbevölkerung Schaden zufügten, so wie die Verlegung von Landminen durch die Farc in vielen Regionen des Landes. "Ich war dagegen. Dadurch schadet die Guerilla nur sich selbst. Aber man hat nicht auf mich gehört."  

Die von ihm erträumte solidarische Gesellschaft gab es in der Guerilla nicht. "Durch den Bergbau kommt viel Geld herein", sagt Maturana. "Man sieht, wie der Verantwortliche das Geld an seine Familie schickt. Wie er seine Geliebte versorgt. Aber den einfachen Guerillero ignoriert er." Wer als Kommandant zum Invaliden werde, erhalte eine großzügige Entschädigung, die niederen Ränge hingegen fast nichts.