Der frühere israelische Premierminister Ariel Scharon in seinem Büro im Januar 2005 © STR/Reuters

Es war schon lange still geworden um Ariel Scharon – den Mann, der alle wichtigen Ereignisse seit der israelischen Staatsgründung miterlebt oder selbst mit verursacht hatte. In einem kleinen Krankenhauszimmer östlich von Tel Aviv lag der Expremier seit 2006 im Koma. Während seine Söhne verbissen um sein Leben rangen, geriet er draußen in Vergessenheit. Wofür er eigentlich stand, vermochte ohnehin niemand zu sagen. Scharon war ambitioniert, skrupellos, erfolgreich und paradox pragmatisch. Kaum ein Politiker in der Geschichte des Landes war so einflussreich und zugleich so umstritten wie er. Nur wenige Dinge waren bei ihm konstant: Er hat Gegner gespalten und Anhänger geeint, und beide bis zuletzt überrascht. Im Alter von 85 Jahren ist Scharon nun gestorben.

Eigentlich träumte Scharon davon, Bauer zu werden. Doch im Unabhängigkeitskrieg 1948 brauchte das junge Israel Soldaten. Scharon, seinen Freunden nur als "Arik" bekannt, tat sich durch Mut und Einfallsreichtum hervor. Eine schwere Verletzung überlebte er knapp, indem er blutend durch ein brennendes Feld robbte. Fünf Jahre später verwandelte er die Fallschirmjägertruppe 101 in Israels erste Kommandoeinheit. Damit begründete er den Ruf der Armee als innovatives, aber unerbittlich hartes Militär: Bei einer Vergeltungsaktion im palästinensischen Dorf Kibia im Westjordanland starben 1953 mehr als 60 Zivilisten.

Seine Vorgesetzten bemerkten bald einen problematischen Aspekt seines Charakters: Scharon wollte schnell klare Ergebnisse, ungeachtet des Preises für Feind oder Freund. Das zeigte er im Sechstagekrieg, als er seine Truppen zum raschen Sieg über Ägyptens zahlenmäßig überlegene Armee im Sinai führte und zum Kriegshelden wurde. Doch er konnte diesen Ruhm nicht lange genießen. Wenige Monate nach dem Krieg schoss sich sein erstgeborener Sohn mit einem antiken Gewehr, das Scharon geladen aufbewahrt hatte, in den Bauch. Der elfjährige Gur soll auf dem Wohnzimmerteppich in den Armen seines Vaters verblutet sein.

Als Kriegsheld zur lebenden Legende

Scharons größte Stunde kam nach dem Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens auf Israel im Jom-Kippur-Krieg 1973: Als viele Israelis sich am Rand des Untergangs wähnten, ignorierte Scharon einen Rückzugsbefehl seiner Vorgesetzten und griff die Ägypter exakt an ihrer Schwachstelle an. Er überquerte den Suez-Kanal und kesselte die feindlichen Armeen ein. Statt vor ihrem Untergang standen die Israelis plötzlich kurz vor Kairo, Ägypten flehte um einen Waffenstillstand. Scharon wurde zur lebenden Legende.

Israel - Ariel Scharon gestorben Ariel Scharon ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Der ehemalige Ministerpräsident Israels hatte im Januar 2006 einen Schlaganfall erlitten und lag seitdem im Koma.

Er wechselte in die Politik, gehörte 1973 zu den Gründern des Likud – ein Bündnis mehrerer rechter Parteien, das vier Jahre später die Arbeiterpartei der Staatsgründer nach 30 Jahren an der Macht ablöste. Scharon wurde Verteidigungsminister und agierte wie so oft eigenmächtig: 1982 zog er sein Land in den Libanon-Krieg. Dem Kabinett sagte er damals, der Angriff auf palästinensische Terroristen im Nachbarland werde nach 48 Stunden vorüber sein. 

Im Libanon schlug sein Plan fehl

Tatsächlich hatte Scharon aber große Pläne: Er marschierte bis Beirut, wo er eine proisraelische, christliche Regierung einsetzen und dann Frieden schließen wollte. Doch anders als sein eigenwilliger Meisterstreich gegen die Ägypter 1973 schlug sein Plan kolossal fehl. Ein Massaker christlicher Milizen an Palästinensern in Sabra und Schatila, bei dem mehr als 700 Menschen ermordet wurden, löste in Israel Empörung aus, weil die Armee es nicht verhindert hatte. 

In der bis dahin größten Protestkundgebung in der Geschichte des Landes demonstrierten nun 400.000 Menschen, zehn Prozent der Bevölkerung, gegen den Krieg. Die Armee zog von Beirut ab, Scharon wurde in Schande aus seinem Amt entlassen. Der Krieg bescherte Israel keinen Frieden – im Gegenteil. Er zog sich bis ins Jahr 2000 hin, kostete Tausende das Leben und führte zur Gründung der Hisbollah-Miliz, heute Israels hartnäckigster Feind.

Der gewiefte Politiker blieb nicht lange Paria. Schon 1990 war er Bauminister, just als rund eine Million Juden begannen aus der ehemaligen Sowjetunion einzuwandern und Wohnraum benötigten. Wie in der Armee walzte er die Bürokratie seines Ministeriums nieder, um in Windeseile Tausende Häuser zu errichten, was ihm den Spitznamen "der Bulldozer" eintrug. 

"Erobert jede Hügelspitze"

Doch Scharon baute nicht irgendwo: Er war Anhänger einer Groß-Israel-Ideologie und Patron der Siedlerbewegung. "Erobert jede Hügelspitze. Jeder Ort, an dem wir jetzt bauen, wird eines Tages uns gehören", trieb er seine Anhänger an. Diese Gebietsansprüche brachte er auch im September 2000 zum Ausdruck, als er als Oppositionsführer demonstrativ den Tempelberg in Jerusalem besuchte, während Israelis und Palästinenser über eine Teilung der Stadt verhandelten. Kurz danach – manche glauben gar deswegen – brach die zweite Intifada aus.

Palästinensischer Terror brachte zuerst die Verhandlungen zum Stillstand und zerstörte dann den Glauben einer Mehrheit daran, dass ein Frieden mit Palästinensern überhaupt möglich sei. Statt Frieden sehnten die Israelis sich jetzt nach einem starken Mann, der die Terroristen bekämpfen sollte. Israelische Journalisten warnten: Wer Scharon im Libanon-Krieg nicht als Verteidigungsminister haben wollte, könnte ihn am Ende als Premier bekommen. Sie behielten Recht: Der Kriegsheld "Arik" gewann die Wahlen.