2013 sei ein äußerst erfolgreiches Jahr für Wladimir Putin gewesen, hatte Gernot Erler Ende Dezember geschrieben. Begnadigungen für Michail Chodorkowski und die Musikerinnen von Pussy Riot, Bewegung im Syrien-Konflikt und in der Iran-Politik, Asyl für Edward Snowden – möglicherweise ergäben sich aus der "entstandenen Dynamik" ja Ansätze für einen konstruktiven Dialog mit Russland bei der Bewältigung weiterer internationaler Probleme, hoffte der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete. Nun wird Erler Russlandbeauftragter der Bundesregierung.

Offene und direkte Kritik an der Politik Moskaus, für die bisher auf diesem Posten Andreas Schockenhoff (CDU) gestanden hatte, wird damit Seltenheitswert bekommen. Schockenhoff war zwischenzeitlich wegen seiner deutlichen Worte im Kreml so wenig gelitten, dass er etwa während der deutsch-russischen Regierungskonsultationen keinen Termin im Außenministerium bekam, man es dort für nötig befand, ihm seine Rolle als offiziellen Vertreter der Bundesregierung abzusprechen. Über die staatliche Nachrichtenagentur Interfax ließ man ihm auch gelegentlich die Vergeblichkeit seiner Arbeit vor Augen führen: "Der Hund kläfft, aber die Karawane zieht weiter."

Erler hingegen hatte im vergangenen Sommer in der ZEIT gefordert: "Schluss mit dem Russland-Bashing!" Seit Langem wirbt er für Verständnis gegenüber Putins Politik. Je nach persönlicher Sicht mag man die Äußerungen des früheren Staatsministers im Auswärtigen Amt als Diplomatie in Vollendung bezeichnen, die den sprichwörtlichen Gesprächsfaden nicht abreißen lässt, mit zumindest öffentlich leiser Kritik zwischen den Zeilen das Gegenüber sein Gesicht wahren lässt – oder eben als Kuschelkurs, der für die anstehende Aufgabe nicht geeignet erscheint: "Koordinator für die deutsch-russische zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit" heißt der Posten offiziell, ein gutes Verhältnis zur russischen Regierung steht dabei zunächst nicht im Vordergrund.

Annäherung ohne Wandel?

Sicher ist es nicht ausdrücklich hilfreich, wenn Schockenhoff zwar größtes Ansehen unter russischen Menschen- und Bürgerrechtlern genießt, auf staatlicher Seite aber niemand mehr mit ihm sprechen mag. Erler ist auf beiden Feldern gut vernetzt und dürfte deshalb wenigstens in der Lage sein, Anliegen zivilgesellschaftlicher Gruppen in Russland auch gegenüber der Regierung zur Sprache zu bringen – die Frage ist, mit welchem Erfolg und ob die sanfte Linie in diesen Tagen wirklich die bessere ist. Ob Annäherung richtig ist, ohne konsequent Wandel zur Bedingung zu machen.

Erler ist ein langjähriger Vertrauter von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der sich mit der Personalie gegen Kanzlerin Angela Merkel durchgesetzt hat. Damit ist auch klar, warum Schockenhoff nicht mehr ins Konzept passte: Steinmeier stellt sich das Verhältnis zu Russland als Modernisierungspartnerschaft vor. In der Opposition kritisierte er die Kanzlerin dafür, in Menschenrechtsfragen zu hart mit Putin ins Gericht zu gehen. Mit seinem Kurs, der allzu deutliche Kritik vermied, ist er allerdings in seiner ersten Amtszeit auch nicht viel weiter gekommen als Merkel, die vor allem pragmatisch agiert, wenn es um Wirtschaftsinteressen geht. Schon in der ersten Großen Koalition waren die beiden darüber oft aneinandergeraten. Vielleicht spielen sie in Zukunft ein wenig guter Polizist und böser Polizist, aber am Ende wird die Kanzlerin die Russlandpolitik bestimmen: Was ihr wichtig ist, macht sie zur Chefsache.