Der Wahlkampf beginnt mit Paukenschlägen. Ein Thema, das dringend besprochen werden müsse, sagt Morihiro Hosokawa diese Tage immerzu, sei die Energiepolitik. "Ich habe das Gefühl, dass es bei den vielen Problemen Japans, besonders bei der Atomkraft, ums Überleben des Landes geht." Zu gefährlich sei die Energiequelle, zumal kein Endlager für nuklearen Abfall existiert. Als Tokios Gouverneur, den die Bürger am 9. Februar neu wählen werden, würde der 76-jährige Hosokawa seinen Versprechen gemäß alles tun, um Japan aus der umstrittenen Atomkraft zu holen.

Der Mann ist nicht irgendwer. Von 1993 bis 1994 regierte Hosokawa sein Land als Premierminister. Seine wichtigste Hinterlassenschaft ist ein Beitrag zur Aufarbeitung der japanischen Rolle im Zweiten Weltkrieg, die er als Aggressionskrieg bezeichnete. Zuletzt arbeitete der Spross eines Adelsgeschlechts und Enkel von Fumimaro Konoe, der Japan während des Zweiten Weltkriegs regierte, als Berater. Hosokawas Amtszeit als Premierminister nahm allerdings im Frühjahr 1994 ein jähes Ende. Wegen einer Korruptionsaffäre.

Etwas Ähnliches ist nun der Grund, warum die Tokioter Bürger überhaupt wählen müssen. Der bisherige Bürgermeister Naoki Inose trat Ende Dezember von seinem Posten zurück, weil er 50 Millionen Yen (rund 350.000 Euro) von der Krankenhausgesellschaft Tokushukai angenommen hatte. Obwohl Inose beschwor, nicht korrumpiert worden zu sein, war der öffentliche Druck zu groß geworden. Inose, zuvor Vize unter dem langjährigen nationalistischen Gouverneur Shintaro Ishihara, hatte sich nie gegen die Nutzung von Atomenergie in Stellung gebracht.

Prominenter Unterstützer: Expremier Koizumi

Für den alten Hosokawa ist dies aber ein kluger Zug. Denn die Mehrheit der Japaner ist seit knapp drei Jahren gegen die Atomkraft. Nach der jüngsten Umfrage des Fernsehsenders Fuji News Networt fordern 60 Prozent den sofortigen Ausstieg. Am 11. März 2011 wurde Japan von einem schweren Erdbeben und einem Tsunami erschüttert, in dessen Folge 20.000 Menschen starben und eine Nuklearkatastrophe in Fukushima losgetreten wurde. Rund 150.000 Menschen leben deshalb nach wie vor evakuiert, fern ihrer Heimat.

Morihiro Hosokawa hat mit seiner Forderung, die 50 Reaktoren in Japan nicht wieder hochzufahren, auch einen prominenten Unterstützer – den ehemaligen Premier Junichiro Koizumi. Der liberale 72-Jährige, nach wie vor eine einflussreiche Figur in Japans Politik, regierte das Land zwischen 2001 und 2006 und ist durch seine marktliberalen Reformen und seine Beliebtheit einer der wenigen Politiker, die auch im Ausland bekannt sind. "Wir können das Land verändern, wenn wir zeigen, dass Tokio ohne Atomstrom leben kann", sagte Koizumi, der sich seit Oktober letzten Jahres wiederholt kritisch zur Atomenergie geäußert hat, Mitte des Monats auf einer Pressekonferenz.

Für Shinzo Abe, der nur wenige Kilometer vom Tokioter Rathaus Japan als Premierminister regiert, ist die Kandidatur Hosokawas und obendrein die Unterstützung durch Koizumi höchst beunruhigend. Abe ist Atombefürworter, hält einen Ausstieg aus ökonomischen Gründen nicht nur für unverantwortlich. Abe hat sich auch als Chef-Lobbyist der Atombranche herausgestellt, was den Export japanischer Entwicklungen angeht. Bei den landesweiten Oberhauswahlen im vergangenen Juli führte er die einzige Partei an, die kategorisch an der Kernkraft festhalten will. Gewählt wurde Abes Liberaldemokratische Partei (LDP) aber weniger dafür, als dass ihr eine wirtschaftliche Wiederbelebung Japans zugetraut wird.