In Kiew ist es zwischen Regierungsgegnern und der Polizei erneut zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen. Hunderte Protestierende gegen die Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch warfen Steine und Blendgranaten auf die Beamten. Die Polizei setzte Tränengas ein. Zahlreiche Oppositionelle hielten die Stellung am Dynamo-Stadion im Zentrum Kiews. Sie rüsteten Demonstranten offenbar mit metallverstärkten Holzknüppeln aus.

Der pro-europäische Oppositionsführer Vitali Klitschko forderte alle Ukrainer auf, sich an den Protesten gegen die Regierung in Kiew zu beteiligen. "Die Regierung hat dem Volk den Krieg erklärt", sagte der 42-Jährige in einer Videoansprache. "Wir sind mehr. Ihr werdet hier gebraucht, damit die Ukraine gewinnt und nicht Janukowitsch", sagte Klitschko.  

Klitschko sowie der prominente Oppositionspolitiker Arseni Jazenjuk riefen ihre Anhänger zur Ruhe und zu friedlichen Protesten auf. "Es gibt nur zwei Wege, wie sich die Dinge entwickeln können. Der erste wäre, nicht zu verhandeln", zitierte die Nachrichtenagentur Interfax Klitschko. "Ein Szenario der Gewalt wäre unberechenbar und ich schließe die Möglichkeit eines Bürgerkriegs nicht aus." Dagegen sagte der frühere Innenminister Juri Luzenko: "Das, was gestern passierte, ist schlecht, aber richtig. Das ist die einzige Sprache, die Janukowitsch versteht."

Nach der gerichtlichen Einschränkung der Demonstrationsfreiheit war die Lage in Kiew am Sonntag eskaliert. Bei  Zusammenstößen zwischen radikalen Regierungsgegnern und Polizisten wurden mehr als 200 Menschen verletzt, darunter mindestens 100 Oppositionelle. Aus Oppositionskreisen hieß es, nicht alle hätten Hilfe in Krankenhäusern gesucht, weil sie Angst vor Strafverfolgung hätten.

Timoschenko verteidigt Gewalt

Die ukrainische Justiz stufte die Straßenschlachten in Kiew als Landesverrat ein. "Das ist nicht bloß Rowdytum. Das ist Landesverrat", sagte Generalstaatsanwalt Viktor Pschonka. Er forderte die Opposition auf, unverzüglich ihre Anhänger zum Abzug aus dem Stadtzentrum aufzurufen. "In der Ukraine kann und darf das Gesetz nicht als Geisel für politische Ambitionen und Rache gehalten werden", hieß es in der Mitteilung.

Präsident Janukowitsch bezeichnete die Kämpfe als Gefahr für das ganze Land. "Krieg, Zerstörung und Gewalt ruinieren die Ukraine", hieß es in einer Mitteilung. Janukowitsch rief alle Bürger auf, gewaltlosen Kräften zu folgen. "Ich verstehe Ihre Teilnahme an Protesten und bin bereit, Ihren Standpunkt anzuhören und gemeinsam eine Lösung für Probleme zu finden", hieß es weiter.

Die inhaftierte Oppositionsführerin Julija Timoschenko verteidigte die gewaltsamen Proteste. "Wenn ich in Freiheit wäre, dann wäre ich bei Euch. Die Freiheit ist diesen Kampf wert", hieß es in einem Aufruf der Exregierungschefin. "Außer Euch hat die Ukraine keine Verteidiger. Kämpft! Ihr seid Helden, die für die Ukraine geradestehen." Timoschenko sitzt wegen angeblichen Amtsmissbrauchs eine siebenjährige Haftstrafe ab.

Janukowitsch lässt Vermittlungen zu

Im Laufe des Tages wollen trotz der Eskalation Vertreter der Regierung Janukowitsch mit Oppositionsführern sprechen. Die Leitung eines Vermittlungsausschusses hat der Chef des Nationalen Sicherheitsrates, Andrej Kljujew.

Klitschko forderte Janukowitsch auf, sich persönlich an den Gesprächen zu beteiligen. Janukowitsch hatte das abgelehnt. "Wenn Janukowitsch wirklich eine Lösung der politischen Krise will, dann muss er selbst an Verhandlungen teilnehmen und für jeden vereinbarten Punkt Verantwortung übernehmen", sagte Klitschko. Der Oppositionsführer hatte sich am Sonntagabend mit dem Präsidenten getroffen. Dabei hatte Janukowitsch die Einsetzung des Vermittlungsausschusses zugesagt.