Es ist fünf nach zwölf. Er hat sich stundenlang verspätet. Und vielleicht ist auch schon alles zu spät. Vitali Klitschko steigt mit einem kleinen Zettel auf die Bühne, Stichpunkte, die ihm helfen sollen, durch diesen womöglich schwersten Auftritt seiner Politikerkarriere zu kommen. Sollte er eines Tages Präsident der Ukraine sein, werden die einen sagen, gerade wegen, und die anderen trotz dieser Worte in der Nacht vom 24. Januar 2014.

Die Vorgeschichte: Am Vormittag fährt Klitschko mit einem Megafon zum Eingang des Dynamo-Kiew-Stadions, 700 Meter neben dem besetzten Maidan. Seit Sonntagnachmittag bekämpfen sich hier Sondereinsatzpolizisten und Revolutionäre. Zwei junge Männer starben, mehr als hundert wurden verletzt. Klitschko redet, ebenso wie der ehemalige Innenminister Jurij Luzenko, auf die jungen Männer ein. Bis 20 Uhr, wenn die Verhandlungen mit Präsident Janukowitsch beendet sind, sollen sie keine Autoreifen mehr abbrennen, keinen Pflasterstein und keinen Molotowcocktail mehr auf die Beamten werfen.

Er schafft es, die Wütenden zu überreden. In Kiew bleibt es den ganzen Tag über friedlich, die Sonne scheint, am Abend läuft ein Ultimatum für Viktor Janukowitsch ab. Die Oppositionsführer hatten dem Präsidenten am Vortag mit Sturz gedroht, wenn er nicht zurücktritt.

Opposition kann Forderungen nicht durchsetzen

Am Nachmittag um halb zwei sind Klitschko, Oleh Tjagnibok und Arsenij Jazenjuk, die Anführer der Oppositionsparteien, mit Janukowitsch zur Verhandlung über die Zukunft der Ukraine verabredet. Doch der Präsident sagt ab, drei Mal wird der Termin verschoben. Erst nachdem der Vizepräsident der USA, Joe Biden, und Angela Merkel und bestimmt auch Wladimir Putin mit Janukowitsch telefoniert haben, setzt er sich um 19 Uhr mit der Opposition an einen Tisch.

Fast fünf Stunden dauern die Gespräche. Am Ende fährt Klitschko vom Hof ohne eine seiner Forderungen durchgesetzt zu haben. Falls – das ist das einzige Ergebnis – die Demonstranten den Platz vor dem Fußballstadion räumen, würden die bisher verhafteten Protestler freigelassen.

Am Maidan warten Zehntausende, vor dem Computer oder Fernseher mehr als 40 Millionen weitere Ukrainer auf die Rückkehr und die Worte Klitschkos. Er weiß, was in der West- und der Zentralukraine während der Verhandlungen passiert ist.

Außerhalb Kiews hat sich die Revolution verselbstständigt. In Lwiw, der größten Stadt im Westen, unterschrieb der Gouverneur von Janukowitschs Partei der Regionen als erster seine Kündigung. In Ternopil versuchte die Polizei gar nicht erst einzugreifen. In anderen Städten im Westen wehrten sich die Beamten vergeblich gegen die Anhänger der Opposition. Bis Mitternacht hatten die Revolutionäre in mindestens vier von 25 Regionen Regierungsgebäude besetzt, in sechs weiteren scheint das nur noch eine Frage der Zeit zu sein.