Helfer zählen die Stimmzettel aus, mit denen die Schweizer am vergangenen Sonntag über eine Beschränkung der Zuwanderung entschieden haben. © Anja Niedringhaus/AP/dpa

So richtig böse will Deutschland auf den reichen Nachbarn im Süden offenbar nicht sein. Eher brav wird hierzulande herum interpretiert, was es denn bedeuten soll, dass die Mehrheit der Schweizer Wähler am Sonntag die von der nationalkonservativen Schweizer Volkspartei SVP, organisierte Initiative zum "Stopp der Masseneinwanderung" angenommen hat. Wolfgang Schäuble beispielsweise, bekanntermaßen ein Freund der Schweiz, will die Eidgenossen ernst nehmen, und glaubt, dass man nun in der EU eine offene Debatte um die Zuwanderung beginnen müsse. Als ob das nicht schon längst der Fall ist. Man muss Schäuble und manchen rechten Politikern europaweit widersprechen. Sie wollen die Abstimmung als "Signal" für Europa sehen, dass die Bevölkerung genug habe von der "Einwanderung". Dabei geht es in der Schweiz nicht um Armutszuwanderung, das hohe Bildungsniveau der hiesigen Zuwanderer belegen zahlreiche Statistiken.

Andere Kommentatoren haben das erkannt und sagen, der Volksentscheid sei eine Absage an die EU: Fuck you EU. Das ist in der Schweiz derzeit eine beliebte Interpretation. Vielleicht, weil es einen Angstentscheid zum Kraftakt umdeutet. Man kann aber noch genauer hinsehen.

Wenn man die Schweizer beim Wort nehmen will, dann haben sich diese am Sonntag gegen Masseneinwanderung ausgesprochen, darum ging es in der Abstimmung. Wer sind denn nun diese Massen, die in den letzten Jahren in die Schweiz kamen? Es sind vor allem die Deutschen. Sie waren die Hauptzuwanderer-Gruppe der letzten Jahre. Zumindest in den deutschsprachigen Kantonen. Jene Gebiete der Schweiz also, in der die Mehrheit am Sonntag gegen die Zuwanderung stimmte. Die französischsprachigen Kantone, in die praktisch keine Deutschen ziehen, haben die Initiative abgelehnt. Dabei kommen auch zu ihnen viele Ausländer. Nur eben nicht Deutsche, sondern andere, beispielsweise Franzosen und frankophone Afrikaner.


Es geht auch um die, die schon da sind

Die Deutschen stellen mittlerweile nach den Italienern die zweitgrößte Ausländergruppe in der Schweiz. 290.000 Deutsche leben derzeit in der Schweiz. Zwar flacht die Zuwanderung aus Deutschland seit 2012 ab, doch bei dieser Abstimmung ging es ja, wie oft dargelegt, um ein Bauchgefühl, um die gefühlte Einwanderung. Und dabei wurde in den letzten Jahren der Zustrom der Deutschen am lautesten diskutiert. Es reicht von einem eigenen Dossier "Deutsche in der Schweiz" bei der meistverkauften Tageszeitung bis hin zu der aufsehenerregenden Pauschalbehauptung des SVP Jungstars Natalie Rickli, es gäbe zu viele Deutsche in der Schweiz. Später relativierte sie – ein wenig: Sie störe sich nicht an einzelnen Deutschen – aber an deren Masse. Die Deutschen-Ablehnung war in der sonst so zurückhaltenden Schweiz oft ähnlich laut wie bei Rickli.

Genau um diese Deutschen "Massen" in der Schweiz geht es auch bei einer zweiten, bisher kaum verstandenen Auswirkung des Entscheids. Prominente Schweizer Stimmen wie der Berner Migrationsexperte Alberto Achermann oder Paul Rechsteiner vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund haben darauf hingewiesen, dass der Wortlaut der Initiative auch die im Lande wohnenden Ausländer erfasst. Also genau jene 290.000 anwesenden Deutschen. Auch sie sind von den nun beschlossenen Kontingenten betroffen, obwohl sie ja schon eingewandert sind. Die Initiatoren von der SVP haben es im Vorhinein mit teils widersprüchlichen Äußerungen erfolgreich geschafft, diesen gewichtigen Faktor herunterzuspielen.
Tatsächlich ist jetzt ein Fünftel der in der Schweiz lebenden Menschen von der Entscheidung betroffen. Alle Ausländer, ihre Familien und Kinder. Die Masseneinwanderungsinitiative könnte nun, je nachdem wie hoch die Kontingente nun vom Parlament festgesetzt werden, zur Massenauswanderungsinitiative werden. Mindestens aber ist es ein Damoklesschwert, dass von nun an über jedem Ausländer im Land hängen wird. Egal, wie lange er oder sie schon da ist.

Die eine Hälfte der Schweizer würde nie irgendwem "Fuck you" ins Gesicht rufen. Die anderen Hälfte aber, 50,3 Prozent der Wähler, haben am Sonntag gesagt: "Fuck you, Deutschland."