Mit lautem Zischen rast die Rakete in die Höhe. Augenblicke später blitzt ein Feuerball auf – schreckliche 60 Sekunden lang kann sich der getroffene Armeehubschrauber noch am Himmel über dem Nordsinai halten. Dann kracht die Maschine mit fünf Soldaten an Bord in einer schwarzen Rauchfahne zu Boden.

"Es war die Hand Allahs, die zuschlug", tönen dazu die martialischen Kriegsgesänge auf dem Attentatsvideo, welches Sicherheitsexperten rund um den Globus in Schrecken versetzt. "Das ist ein sehr gravierender Vorgang", urteilte Ex-CIA-Chef David Petreaus letzte Woche auf dem Podium einer internationalen Sicherheitskonferenz in Tel Aviv.   

Die ägyptische Armee hatte zunächst behauptet, der Hubschrauber sei wegen eines technischen Versagens abgestürzt. Doch seit der Viereinhalb-Minuten-Film mit dem hinter einem Baum versteckten Schützen auf YouTube steht, gibt es keinen Zweifel mehr: Erstmals in der Geschichte des Landes haben Terroristen mit einer schultergestützten Boden-Luft-Rakete ein Fluggerät abgeschossen.

Der verpixelte Täter gehört zu der Gruppe Ansar Bayt al-Maqdis, die zum Terrornetzwerk Al-Kaida gehört. "Sie ist die größte Terrorgefahr für Ägypten – auf dem Sinai und im Kernland", urteilt Zack Gold von der Brookings Institution, der eine detaillierte Studie über die Sicherheitslage auf dem Sinai veröffentlicht hat.     

Die Gotteskrieger hätten in letzter Zeit ihre Reichweite enorm vergrößert, würden längst nicht mehr allein auf der Wüstenhalbinsel operieren, sondern mit Autobomben und Mordanschlägen auch in der Nilregion aktiv sein.  

Anschläge auf Polizeistationen

"Das Ganze ist erst der Beginn und könnte die Destabilisierung Ägyptens sehr beschleunigen", pflichtet ihm David Barnett bei, Spezialist für Sinai-Extremisten bei der Stiftung Verteidigung der Demokratie in Washington.

So zerstörte am Weihnachtsabend in Mansura im Nildelta eine Autobombe die Polizeizentrale der Stadt und riss 15 Menschen mit in den Tod. Vorletzten Freitag starben bei einem Anschlag auf das Polizeipräsidium in Zentrum Kairos vier Menschen, das Islamische Museum auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde ebenfalls verwüstet. 

"Die Rache kommt"

Die Gruppe Ansar Bayt al-Maqdis bekannte sich auch zu dem Attentat auf Innenminister Mohammed Ibrahim im letzten September sowie zum Mord auf offener Straße an einem Polizeigeneral des Innenministeriums vorige Woche. "Die Rache kommt", drohte ein im Internet veröffentlichtes Schreiben Armeechef Abdel Fattah al-Sissi, der vor sieben Monaten den Muslimbruder-Präsidenten Mohammed Mursi stürzte und sich demnächst wohl zu dessen Nachfolger küren lassen will.

Ansar Bayt al-Maqdis wurde 2011 auf dem Sinai gegründet, kurz nach dem Volksaufstand gegen Ägyptens langjährigen Machthaber Hosni Mubarak. Eindeutige Belege, dass die Gruppe, wie von Ägyptens neuer Führung behauptet, von der Muslimbruderschaft gesteuert ist, gibt es nicht.  

Zunächst verübten die Gotteskrieger Attentate auf die Gas-Pipeline zwischen Ägypten und Israel. Zudem schießen sie regelmäßig Raketen auf Israel, wie kürzlich wieder auf den Badeort Eilat. Seit dem Sturz von Mohammed Mursi jedoch konzentrieren sie ihre Mordtaten zunehmend auf den Sueskanal sowie auf Polizei und Armee in der Nilregion.