Es ist ein Skandal, der jeden aufrechten linken Deutschen empören muss: In der Volkswagen-Fabrik in Chattanooga, Tennessee, wurde die Gewerkschaft verboten.

Seit fast einem Jahr kämpft Amerikas Autobauer-Gewerkschaft UAW darum, in dem VW-Werk Fuß zu fassen. Am vergangenen Wochenende kam es endlich zur Abstimmung im Werk. Das Ergebnis war schockierend: Es wird in Chattanooga keinen Betriebsrat geben, die Gewerkschaft bekommt keinen Zutritt.

Doch noch schockierender war, wer dagegen stimmte: die VW-Arbeiter selbst.

Man merke: Es ging nicht um die persönliche Entscheidung, ob dieser oder jener Mitarbeiter sich der Gewerkschaft anschließt, sondern darum, ob sie grundsätzlich überhaupt ins Werk hineingelassen wird. Die Mehrzahl der Arbeiter nicht nur in Chattanooga empfindet, anders als in Deutschland, eine Gewerkschaft nicht als Segen, sondern als Bedrohung für ihre Arbeitsstelle.

Das ist der amerikanische Geist: Schon der einfache Arbeiter denkt nicht wie ein einfacher Arbeiter, sondern wie ein Unternehmer.

Interessanterweise hatte die Führung des VW-Werks im vergangenen Jahr die Idee, einen Betriebsrat einzuführen. Mit dieser sehr deutschen Vermittlungsstelle zwischen Belegschaft und Management ist der Autokonzern nämlich weltweit bisher gut gefahren: Die Arbeiter fühlen sich vertreten und sind zufriedener, die Produktion wird dadurch effizienter.

Es gab nur einen Haken: Die US-Rechtslage dazu ist leider nicht ganz klar. Betriebsräte scheinen nur dann erlaubt, wenn die Belegschaft dort durch eine ordentlich zugelassene Gewerkschaft vertreten wird. Nun, die Gewerkschaft nach Chattanooga zu holen, war zwar nicht direkt VWs Absicht, dennoch haben die Chefs großzügigerweise signalisiert: Die Mitarbeiter sollen entscheiden.

Doch statt zu jubeln, fragten sich viele Fließbandwerker: Ist eine Gewerkschaft wirklich in unserem Interesse?

Auf der Plus-Seite ist unbestritten, dass Gewerkschaftsmitglieder bis zu 20 Prozent mehr Lohn bekommen. Auf der Minus-Seite aber steht, dass die Gewerkschaften in den USA heute so sehr gehasst werden wie nie zuvor.

Weil es so schwer ist, den Mitgliedern zu kündigen, gelten sie schnell als nutzlose Schmarotzer. Keine Diskussion über "minderwertige Schulbildung" zum Beispiel ist komplett ohne irgendeine Gewerkschaftslehrerin, die vier Tage die Woche krankfeiert, in der Raucherecke mit dem Hausmeister rumknutscht und nicht weiß, ob Berlin in New Hampshire oder Europa liegt, aber nicht gefeuert werden kann: "Und in ihre Hände geben wir unsere Kinder!"

Die Mafia wollen wir auch nicht vergessen. Spätestens in den 1930ern ist es ihr gelungen, mehrere wichtige Gewerkschaften so weit zu übernehmen, dass arbeitende bzw. streikende Belegschaften nur noch als Schachfiguren zwischen Mafia und Industrie fungierten und ein Großteil der Mitgliedsbeiträge sowie einiges an Bestechungsgeldern direkt in die Taschen der Verbrecherorganisation wanderten. Und hat man je davon gehört, dass die Mafia sich aus einem funktionierenden Geschäftsfeld völlig zurückzieht?