Dmitri BulatowSein blutiges Gesicht wird zum Sinnbild des Protestes

Der Mechaniker Bulatow hatte die Gängelung durch Bürokraten und Kriminelle satt. Er rief zu Protest-Autokorsos in Kiew auf. So geriet er ins Visier seiner Peiniger. von Nina Jeglinski

Die Bilder aus Kiew vom zerschnittenen Gesicht und zerschlagenen Körper des Aktivisten Dmitri Bulatows schockierten die ganze Welt. Am Wochenende bot ihm Außenminister Frank-Walter Steinmeier medizinische Hilfe in Deutschland an. Wie Oppositionspolitiker Petro Poroschenko am Abend mitteilte, darf der 35-Jährige ausreisen, nachdem ein Gericht das Verfahren gegen ihn eingestellt habe. "Er kann jetzt mit mir zum Flughafen fahren", sagte Poroschenko ukrainischen Journalisten.

"Dmitri ist ein Mann der Tat, er sitzt nicht gerne zu Hause herum, sondern packt an", sagt Katja Budkow, eine langjährige Bekannte des Mechanikers, der jetzt zur Symbolfigur des Protestes wurde. Auch sie ist in der von Bulatow gegründeten Organisation Sozialno Widpowidalne Suspilstwo (Sozialverantwortliche Gesellschaft) aktiv.   

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Bis Ende Januar hatte der Inhaber einer Autowerkstatt für großes Aufsehen mit seinen Aktionen gesorgt. Bulatow organisierte den sogenannten Automaidan. Zahlreiche Fahrzeuge fuhren in einer Kolonne durch die Kiewer Innenstadt und zu den Anwesen der ukrainischen Regierungsmitglieder, um gegen den antidemokratischen Kurs von Präsident Viktor Janukowitsch zu protestieren.

Mit seiner bisher größten Aktion könnte Bulatow seine Feinde besonders wütend gemacht haben: Ende Dezember fuhren unter seiner Regie mehr als 50 Fahrzeuge ausgerechnet zur Residenz des Präsidenten. Auch Vitali Klitschko, der sich in der Opposition seines Heimatlandes engagiert, war dabei und hielt vor dem streng bewachten Anwesen eine Rede.  

Gefoltert und gefeiert

Drei Wochen später verschwand Dmitri Bulatow spurlos, zehn Tage später tauchte er wieder auf. Was er aus diesen Tagen erzählt hat, schockierte die ganze Welt. Er sei von unbekannten Männern, die Russisch sprachen, verschleppt worden. Tagelang sei er gefoltert worden. Seine Peiniger hätten ihm einen Teil seines Ohres abgeschnitten, sie hätten sein Gesicht aufgeschlitzt und ihn mit Stromkabeln am ganzen Körper geschlagen.

Dann hätten seine Entführer ihn ausgesetzt, mit letzter Kraft habe er sich in ein Dorf retten können. In der Nacht zu Freitag wurde er in eine Privatklinik in Kiew gebracht, dort wird er derzeit behandelt.  

Sein Freund Vitali Klitschko war zusammen mit dem Oligarchen Poroschenko der Erste, der Bulatow in der Klinik besuchte, danach flogen der Boxweltmeister und der Konzernchef zur Sicherheitskonferenz nach München.

Bulatow wird streng abgeschirmt, lässt keine Medien an sich heran, nur enge Vertraute und Familienmitglieder haben Zugang. Vor der Boris-Klinik hatten sich am Wochenende unzählige Kamerateams und Journalisten aus aller Welt versammelt.  

Spontane Idee zu Protesten

Seine Protestorganisation gründete Bulatow mit seinem Freund Alexej Gritzenko. Die Idee dafür sei den beiden "spontan" gekommen, sagt die Mitstreiterin Budkow. Man habe etwas unternehmen wollen, anstatt nur herumzusitzen.  

So begannen sie Ende November, als der Präsident das fertig ausgehandelte EU-Assoziierungsabkommen nicht unterzeichnet hatte, mit den Protesten. Klitschko ist für sie der Anführer der ukrainischen Opposition. "Ja, wir demonstrieren für Klitschko, er ist unser Mann", sagt Budkow.

Leserkommentare
    • Pippin
    • 02. Februar 2014 19:51 Uhr

    und die Meldungen waren widersprüchlich (Ohren abgeschnitten, an die Tür genagelt/ aber keine solchen Merkmale bei den Aufnahmen vom Krankenbett von Bulatov). Grundsätzlich ist Gewalt als Mittel der Politik zu verurteilen, da sie nur zur Eskalation beiträgt.
    In den Medien gab es große Schlagzeilen, wenn oppositionelle verletzt oder vielleicht auch zu Tode kamen. Über 3 erstochene und erschossene Polizisten in Kiev und Cherson gab es keine Titelstory. Das ist wohl in den Augen der hiesigen Presse nebensächlich.
    Es bleibt zu hoffen, dass im Ukrainekonflikt die besonnen Politiker die Oberhand behalten. Klitschko gehört allerdings nicht zu dieser Form von Politikern.

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    "Bulatow wird streng abgeschirmt, lässt keine Medien an sich heran, nur enge Vertraute und Familienmitglieder haben Zugang."

    neigt leider dazu, weiter Spekulationen über den Wahrheitsgehalt dieses Vorfalls zu nähren ... Zudem klingt mir im Unterton immer die Tendenz mit, die Staatsgewalt trage die Schuld, das scheint aber nicht erwiesen zu sein.

    Wer ist eigentlich der erst als "Oppositionspolitiker", dann als "Oligarch" bezeichnete Poroschenko? Ein guter Oligarch? Der Wikipedia-Artikel über ihn scheint veraltet zu sein.

    • Kelhim
    • 02. Februar 2014 20:30 Uhr

    Ich weiß, dass ich mich wiederhole, aber die ständige Wiederholung falscher Beschuldigungen geht nicht an.

    Es hat mich keine drei Minuten gekostet, einen Beleg zu finden, dass Bulatows rechtes Ohr tatsächlich versehrt ist: http://www.youtube.com/watch?v=zhdRO-ER56c#t=67 Ungefähr ab Minute 1:05 sieht man, dass es kürzer als sein linkes Ohr ist. Der Mann sieht auch ansonsten übel mitgenommen aus.

    Wer dem Mann und/oder den Medien im Brustton der Überzeugung Propaganda vorwirft, kann gar nicht nach Belegen <em>gesucht</em> haben, sonst hätte er schnell das gleiche Videomaterial gefunden. Das spricht doch Bände …

    • Zzzzeit
    • 02. Februar 2014 20:35 Uhr

    Die Wiederholung macht ihre Behauptung nicht richtiger.
    Sie finden überall (außer evtl. auf Russia-Today) die Bilder, die sie nie gesehen haben. Diesem Mann ständig zu unterstellen, dass er das vorgetäuscht hat ist eine Verhöhnung des Opfers.

    Wenn der russische "Antifaschismus" nicht mehr ausreicht, muss man derartige Kommentare verfassen. Begreift es, den ukrainischen Oligarchen ist das schöne Geld näher als die russischen Brüder, es sei denn Putin ersetzt ihnen die Vermögensverluste. Die werden keine Sanktionen riskieren, die setzen Janukowitsch am Ende selbst ab.

    Ein ukrainischer Bergmann verdient bei Achmetov ca. 3500 Grivna, in einer staatlichen Mine ca. 7000. Aber er wohnt in einer kreditfinanzierten Wohnung, die ihm von Achmetovs Konzern gestellt wird und die quasi wie mit einer Kreditabzahlung langsam mit den Arbeitsjahren in sein Eigentum übergeht. Verliert er den Job oder kündigt er, fliegt er aus der Wohnung. Er kauft in Achmetovs Supermarkt ein und geht in Achmetovs Stadion zum Fußball. Er sieht Achmetovs Fernsehsender und liest Achmetovs Zeitung. Es gibt tatsächlich Leute in Deutschland, die sich wundern, warum die Leute in Donezk Achmetov hassen, aber nicht demonstrieren. Menschenansammlungen unter 1000 Leuten regelt im Donezbecken nicht die Polizei, sondern Achmetovs Mafiaschläger.

    Glauben Sie mir, sollten sich derartige Verhältnisse jemals in Deutschland abzeichnen, hätten wir den bewaffneten Aufstand schon viel früher als in der Ukraine. Aber offensichtlich wollen einige Foristen genau so leben, mit starkem Mann, Meinungsmonopol, Abschaffung aller zivilen Rechte und Hungerlöhnen. Ahnung von der Ukraine haben die meisten ja offensichtlich nicht.

  1. Hand zum Herz geführt wird, um die Nationalhymne anzuklingen, relativiert sich mein Mitleid mit Bulatow.

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    Und solange sich Herr Klitschko nicht eindeutig von den rechtsextremistischen Gruppen distanziert, sollte man ihm kein Gehör verschaffen.

    Normal packt man immer die rechte Hand ans Herz und nicht die linke.
    Obendrein sollte man dringend zwischen Nation und Staat unterscheiden, falls sie dahingehend etwas implizieren wollten.

  2. Und solange sich Herr Klitschko nicht eindeutig von den rechtsextremistischen Gruppen distanziert, sollte man ihm kein Gehör verschaffen.

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    Antwort auf "Wenn die rechte"
  3. Komisch. Der sieht doch kerngesund auf dem Bild aus aus dafür dass er vor wenigen Tagen mishandelt wurde.

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    • lxththf
    • 02. Februar 2014 20:19 Uhr

    dass es, wie unter dem Bild zu lesen, sich um ein Archiv- und kein aktuelles Bild handelt, welches jedoch die Nähe zu Klitschko besonders verdeutlichen soll?
    Ich glaube schon, dass er gefoltert wurde und würde es vielen Gruppen zutrauen (einschließlich der Mafia, "Oppositionellen", ja sogar dem Geheimdienst). Die Frage ist, welche Konsequenz man daraus zieht. Die Oppositionsführer nehmen es zum Anlass weiter gegen den Staat zu hetzen und zu Gruppierung von Bürgerwehren aufzurufen, was definitiv nicht deeskalierend ist und das ist schade. Es hätte sowohl Opposition, wie auch Regierung dazu bringen können, Dialogversuche zu intensivieren und den Frieden über alles zu stellen, aber dafür sitzen bei der Opposition die falschen Leute am Hebel.

    • Kelhim
    • 02. Februar 2014 20:20 Uhr

    Wie kann es sein, dass man so einen Kommentar schreibt, aber nicht einmal Bildunterschrift liest?

    Damit wird "Goethe..." in die ewigen Jagdgründe eingehen. :))

  4. "Bulatow wird streng abgeschirmt, lässt keine Medien an sich heran, nur enge Vertraute und Familienmitglieder haben Zugang."

    neigt leider dazu, weiter Spekulationen über den Wahrheitsgehalt dieses Vorfalls zu nähren ... Zudem klingt mir im Unterton immer die Tendenz mit, die Staatsgewalt trage die Schuld, das scheint aber nicht erwiesen zu sein.

    Wer ist eigentlich der erst als "Oppositionspolitiker", dann als "Oligarch" bezeichnete Poroschenko? Ein guter Oligarch? Der Wikipedia-Artikel über ihn scheint veraltet zu sein.

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    Die Macht der Medien ist die Macht der Bilder!!!!!
    Ob ARD,ZDF oder die "Printmedien", die Einheitssuppe brodelt und wird ständig befeuert von Elmar Brook, Kerry, Steinmeier und Konsorten.
    Die Ukraine wird gnadenlos bombardiert so daß sich der Präsident, ohnmächtig Entscheidungen zu fällen, ins Krankenzimmer begtbt, während Rechtsradikale und Sicherheitskonferenzstrategen die nächsten Parolen ins TV schreien, genüßlich von den Echtzeitreportern aufgesogen und uns jeden Abend präsentiert.
    Hütet Euch vor diesen verlogenem Brei und "habt Mut Euch Eures Verstandes zu bedienen".
    Andererseits sind Redakteure auch nur Menschen die Familie haben und ihren Job behalten möchten.....Wo sind die Zeiten eines Scholl-Latour und einiger anderer......
    Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Verstand gebracht!!!!!

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/au

  5. Wieviel ist Provokation ?
    Wieviel ist Abreagieren?
    Wieviel ist Machtdemonstration?
    Wieviel ist Überdrieben?
    Wieviel ist Beschönigt?
    Wieviel ist wahr?

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    • lxththf
    • 02. Februar 2014 20:27 Uhr

    sehr viel ist Provokation, denn er kann es sich als einer der berühmtesten Ukrainer leisten. Er ist der Weltmeister im Schwergewicht, mit Rückendeckung und Sympathiebekundungen der meisten westlichen Politiker.
    Abreagieren und Machtdemonstration glaube ich nicht, denn wirkliche Macht besitzt er einfach noch nicht und ich glaube nicht, dass er bei einer Präsiwahl gute Aussichten hätte.
    Übertrieben ist vor Allem die Bericherstattung der Medien, die Ihn einfach zu sehr in den Fokus stellen und dabeidie simpelsten Fragen außer Acht lassen. Häufig werden Proteste in Medien verklärt und so auch hier.
    Beschönigt? Ganz schwer zu sagen. Ich glaube, dazu bräuchte man einfach noch viel mehr Informationen, aber diese bekommt man sicher nicht bei Nachrichtentickern. Man müsste eigentlich mal das gesamte Netzwerk der Ukrainischen Politik grafisch darstellen, also Parteien, Ziele, Personen, Rückhalt, Finanzen etc. Wird aber kaum ein Journalist machen, denn das ist einfach extrem umfangreich.
    Die Wahrheit in Konflikten ist immer zu suchen und schwer zu finden. Ich glaube, dass alle Seiten ihre Handlungen schönfärben, aber am schlimmsten ist, dass einige Menschen und Medien die Ukraine, wenn es so weitergeht, zerreissen, oder das zumindest in Kauf nehmen. Es kann nicht angehen, dass ein freies Land sich zwischen Russland und der EU entscheiden muss (wie es hingestellt wird). Allein schon die Begriffe prowestlich/prorussisch sind doch völlig fern, der Realität von den Alltagsproblemen.

    • lxththf
    • 02. Februar 2014 20:19 Uhr

    dass es, wie unter dem Bild zu lesen, sich um ein Archiv- und kein aktuelles Bild handelt, welches jedoch die Nähe zu Klitschko besonders verdeutlichen soll?
    Ich glaube schon, dass er gefoltert wurde und würde es vielen Gruppen zutrauen (einschließlich der Mafia, "Oppositionellen", ja sogar dem Geheimdienst). Die Frage ist, welche Konsequenz man daraus zieht. Die Oppositionsführer nehmen es zum Anlass weiter gegen den Staat zu hetzen und zu Gruppierung von Bürgerwehren aufzurufen, was definitiv nicht deeskalierend ist und das ist schade. Es hätte sowohl Opposition, wie auch Regierung dazu bringen können, Dialogversuche zu intensivieren und den Frieden über alles zu stellen, aber dafür sitzen bei der Opposition die falschen Leute am Hebel.

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    • Kelhim
    • 02. Februar 2014 20:20 Uhr

    Wie kann es sein, dass man so einen Kommentar schreibt, aber nicht einmal Bildunterschrift liest?

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