Ich nehme alles zurück. Alles Schlimme, was ich je über Europa geschrieben und gesagt habe. All die Häme und arrogante Herablassung. All die "Ich hab's doch gesagt" und "Klar, dass wieder nichts draus wird", auch meine ganz persönlichen enttäuschten Erwartungen, all das nehme ich zurück.

Ganz ehrlich jetzt: Ich hätte nie geglaubt, dass die EU die Kurve kriegt.

Als in der vergangenen Woche auf dem Maidan wieder mal mitten in Europa brennendes Chaos ausbrach und man begann, die Toten zu zählen, dachte ich mir: Das war's dann, das alte Europa ist wieder da. Es fängt mit einem Bürgerkrieg in der Ukraine an, der so blutig wird wie der in Syrien und mit einer Diktatur wie in Ägypten endet. Dann kippen andere europäische Krisenstaaten, zuerst im prekären Osten, dann im Westen und Süden, bis auch Griechenland brennt. In fünf Jahren gibt's einen neuen europäischen Weltkrieg.

Und machen Sie sich nichts vor: Das ist keine kranke Fantasie. Die Europäer haben so lange unter dem schützenden Schirm der Amerikaner in Sicherheit geschlummert, dass sie gar nicht mehr wissen, dass rein statistisch Krieg und Chaos für Europa der Normalzustand ist. Was in der Ukraine möglich ist – und in der vergangenen Woche war Bürgerkrieg nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich – ist auch in Griechenland möglich.

An jeder Ecke ein neuer Demagoge

Und in Deutschland auch. Man sieht es daran, wie das stabilste, erfolgreichste Land dieses Halbkontinents auf Krisen reagiert – mit Panik, Verwirrung und Kopf-in-den-Sand stecken. Sobald die Wirtschaft hier kippt und die Deutschen eine Zeitlang in griechischen Zuständen leben müssen, wird es auch auf deutschen Straßen nicht mehr mit Unterschriftenlisten für irgendwelche Bürgerbegehren getan sein, nein, Pflastersteine werden fliegen, und an jeder Ecke wird ein neuer Demagoge stehen.

Die Deutschen meckern gern darüber, dass sie anderen EU-Ländern Geld leihen müssen, und sie werden in Zukunft wieder meckern, wenn die Ukrainer noch mehr Geld brauchen werden. Sie vergessen dabei, was sie dafür bekommen: Nicht nur ihren wichtigsten Exportmarkt – denn sollte die EU in Schutt und Asche liegen, hat keiner mehr Geld für Mercedes –, sondern die Möglichkeit des dauerhaften Friedens innerhalb Europas (und mit dauerhaft meine ich mehr als 70 Jahre). Und ehrlich gesagt: Krieg ist doch sehr viel teurer. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin Amerikaner.

Nur Wohlstand für alle stabilisiert

In ihrem Wohlstand haben die Deutschen vergessen, dass die EU der einzig wirksame Schutz gegen die uralte europäische Tradition der blutigen Radikalisierung ist.

Die EU ist kein kurzfristiges Projekt. Es ist nicht allein damit getan, dass Länder wie die Ukraine beitreten. Erst wenn sich der Wohlstand seiner alten Mitglieder auch auf die neuen erstreckt, stabilisiert sich Europa. Das dauert Generationen. Selbst, wenn die Ukraine noch dieses Jahr beitreten würde, bleibt sie vorerst arm, marode und korrupt und kann jederzeit wieder in Chaos versinken, wenn die übrige EU nicht ab und zu eingreift. Zu unseren Lebzeiten wird das Projekt EU nicht abgeschlossen sein.

Deshalb wurde in den vergangenen Monaten mein Vertrauen in diesen Staatenbund so erschüttert: Je mehr ängstliche, EU-kritische Deutsche dem Projekt ihre Unterstützung versagten, desto klarer schien es, dass die Europäer und vor allem die Deutschen nicht in der Lage sein würden, an einem großen Projekt auch dann festzuhalten, wenn es schwierig wird.