Bundespräsident Joachim Gauck hat bei seinem Staatsbesuch in Indien die demokratischen Errungenschaften des Landes gewürdigt, aber auch die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen angesprochen. Nach einem Treffen mit Indiens Regierungschef Manmohan Singh sagte Gauck, die Einstellung großer Bevölkerungsgruppen zu Frauenrechten sei "mehr als kritikwürdig". Andererseits gebe es eine aktive Zivilgesellschaft, die Missstände anprangere. "Wir müssen denen die Debatten nicht beibringen", sagte Gauck.

Aus Indien gibt es immer wieder Berichte über massive Gewalt gegen Frauen. Vor einem Jahr war in Neu-Dehli eine Studentin nach einer brutalen Gruppenvergewaltigung gestorben. Der Fall hatte international für Entsetzen gesorgt, in dem Land wird die Gewalt gegen Frauen seitdem stärker diskutiert. Kritiker bemängeln aber, dass sich an der Situation wenig geändert hat. Erst kürzlich wurden Fälle bekannt, in denen Dorfräte die Massenvergewaltigung von Frauen beschlossen hatten.

Auch die Lage der Homosexuellen in Indien ist problematisch: Erst im Dezember hatte das Oberste Gericht gleichgeschlechtlichen Sex wieder unter Strafe gestellt. Geschlechtsverkehr zwischen zwei Männern oder zwei Frauen ist demnach "gegen die natürliche Ordnung" und kann mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden. Zu diesem Rückschritt in der Gleichstellung Homosexueller sagte Gauck nach dem Gespräch mit Singh: "Es gibt Signale, dass sich die Regierung des Problems bewusst ist." Indiens Regierung könnte das Verbot durch eine Gesetzesänderung aufheben.

Gauck betont gemeinsame Werte

Der Bundespräsident stellte aber auch die gemeinsame Wertebasis mit Indien in den Vordergrund und lobte das indische Engagement in Afghanistan und bei den Vereinten Nationen. Mit Singh sprach er auch über Klimaschutz und über die Zusammenarbeit bei der Modernisierung der Wirtschaft.

Es ist Gaucks erster offizieller Besuch in Indien seit seinem Amtsantritt. Zum Auftakt seiner viertägigen Reise war er am Mittwochvormittag von Präsident Pranab Mukherjee mit militärischen Ehren begrüßt worden. 21 Salutschüsse wurden abgefeuert, Gauck schritt die Ehrengarde der indischen Streitkräfte ab. Unmittelbar nach dem Empfang besuchte er die Einäscherungsstätte von Mahatma Gandhi und legte einen Kranz nieder. In das Gedenkbuch schrieb er, Gandhis Weg des gewaltlosen Widerstandes gegen Unrecht werde auch in Zukunft Menschen in aller Welt motivieren und ihnen Inspiration und Hoffnung geben.

Begleitet wird Gauck von seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt und Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Auch eine hochrangige Wirtschaftsdelegation mit Staatssekretärin Brigitte Zypries (SPD) ist dabei. Geplant sind Besuche von Schulen, Ausbildungszentren und Entwicklungsprojekten. Zweite Station der Indien-Reise ist die Technologie-Metropole Bangalore im Süden des Landes. Am Sonntag reist Gauck nach Myanmar weiter.