Die Kamera pirscht sich an die Beweisstücke heran. Schwenkt nach links, rechts, hält auf einen Notizblock auf dem Schreibtisch, ein Stativ in der Ecke des Raumes, verweilt auf den Laptops, den Kabeln auf dem Teppichboden. Dazu dröhnt dramatische Streichmusik, gleich haben wir die Verbrecher, könnte man denken, gleich kommt das große Finale. Schnitt. Die Reporter Mohamed Fahmy und Peter Greste hocken mit ungläubigen Gesichtern auf dem Sofa in ihrem Hotelzimmer, eine schneidende Stimme stellt Fragen, etwa, wann sie das letzte Mal in Katar gewesen seien. Nächste Szene: Fahmy und Greste überqueren den Hotelparkplatz, klettern auf den Rücksitz eines Vans, der Fahrer drückt aufs Gaspedal. Es waren ihre letzten Minuten in Freiheit.

Das Video von der Festnahme der beiden renommierten Al-Jazeera-Journalisten Ende Dezember 2013, das nun im ägyptischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, sorgt derzeit für Aufruhr in den sozialen Netzwerken. Es zeige die Verletzung elementarer Rechte, monieren Blogger, mit den Bildern solle die Stimmung gegen die Journalisten weiter angeheizt werden.

Lange schon hatte die Militärregierung den Sender aus Katar beschuldigt, seine Berichte im Sinne der Muslimbrüder zu verzerren. Al Jazeera musste die Kairoer Büros schließen, seither arbeiteten die Journalisten von einem Hotel aus. Damit sollte nun Schluss sein: Insgesamt 20 Mitarbeiter stehen vor Gericht wegen der "Verbreitung falscher Informationen". Sie hätten mit ihrer Berichterstattung "den sozialen Frieden gestört und Terror geschürt." Allen droht eine mehrjährige Haftstrafe. 

Nationale Paranoia

Das drastische Vorgehen offenbart das Ausmaß der nationalen Paranoia in Ägypten. "Es hätte etwas Komisches, wenn es nicht so todernst wäre", schreibt Greste in einem Brief aus dem Gefängnis. Wenn Reporter selbst zum Thema würden, sei das ein beängstigendes Zeugnis der gegenwärtigen Lage. In Ägypten sind wir Journalisten längst keine Beobachter mehr. Wir sind Teil des Diskurses. Und der ist lebensgefährlich.  

Seit
 das Militär Präsident Mursi im Juli aus dem Amt gejagt hat, geht es unerbittlich gegen Andersdenkende vor. Die Armee habe das Volk vor der Tyrannei der Islamisten gerettet, lautet die offizielle Lesart, die bitteschön niemand in Frage stellt. Wer dies dennoch tut, muss mit harten Strafen rechnen. Nicht nur die Muslimbrüder, auch Liberale und Aktivisten werden gejagt, verunglimpft und schikaniert. Journalisten, die darüber berichten, sind Freiwild. Geschichten über westliche "Verräter" und "Unterstützer des Terrors" kursieren täglich in den gleichgeschalteten Medien und auf der Straße. 

Staatlich gelenkte Hetze

Welche Dimension diese staatlich gelenkte Hetze hat, zeigte jüngst die Erklärung des Kabinettmitgliedes Monir Fakhri Abdel Nour an die hiesigen Korrespondenten: "Die internationalen Medien haben die Fakten in Ägypten nicht so bewertet, wie wir es hier sehen." In der momentanen Lage lässt sich das als klare Drohung verstehen. So haben wir Berichterstatter das Fazit aus Grestes Schreiben verinnerlicht: "Jeder, der dem Staat applaudiert, kann sich sicher wissen und hat sich Freiheiten verdient. Alles andere ist eine Bedrohung und muss fertig gemacht werden".