Die Gewalt in der Ukraine ist erst einmal beendet, völlig unklar aber ist, wer die Macht in Kiew übernimmt. Verunsichert sind davon besonders viele Juden in der Ukraine. Denn an der Spitze der Oppositionsbewegung steht neben Vitali Klitschko auch ein Mann, der seinen Antisemitismus mehr als einmal offen gezeigt hat: Oleg Tjagnibok, Vorsitzender der Allukrainische Vereinigung Swoboda, zu Deutsch: Freiheit. Er stand 2012 mit seinen Äußerungen auf Platz fünf der Liste schlimmer antisemitischer Beleidigungendes Simon-Wiesenthal-Zentrums.

"Ich habe meine Gemeinde aufgefordert, das Stadtzentrum oder gleich die Stadt und wenn möglich auch das Land zu verlassen", sagte Rabbiner Moshe Reuven Azman der israelischen Zeitung Haaretz zufolge. Azman spricht von "ständigen Warnungen über mögliche Angriffe auf jüdische Einrichtungen". Er habe die Schulen der Gemeinde schließen lassen. Der Rabbiner steht Haaretz zufolge dem Kreml nahe. 

Die israelische Botschaft in Kiew habe Juden aufgefordert, ihre Wohnungen möglichst nicht zu verlassen, sagte Azman. Bei der Botschaft selbst heißt es, ohne Erlaubnis des Außenministers könne man darüber und über die aktuelle Situation keine Auskunft geben. Der Zentralrat der Juden in Deutschland schweigt zu dem Thema. Momentan wolle Präsident Dieter Graumann sich "angesichts der unübersichtlichen Lage in der Ukraine" nicht äußern, heißt es auf Anfrage.

Radikaler Rechter Sektor weiß um seinen Einfluss

Der jüdischen Bevölkerung bereitet es besonderes Unbehagen, dass die Rechtspopulisten mit am Tisch saßen, als Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit Regierung und Opposition verhandelte. In den Parlamentswahlen 2012 erreichte die Partei etwa zehn Prozent. An ihrer Spitze steht mit Tjagnibok einer, der laut Simon-Wiesenthal-Zentrum forderte, die Ukraine von der "russisch-jüdischen Mafia" zu befreien.

Eine Rolle könnten künftig auch die Vertreter des Protestlagers auf dem Maidan spielen – vor allem die radikale Gruppe Rechter Sektor, die an den Barrikadenkämpfen beteiligt war und Zulauf hat. Die Mitglieder dieser Vereinigung von rechtsradikalen und neofaschistischen Splittergruppen treten martialisch mit Tarnfleckuniformen, Helmen und Skimasken auf. Liberale und demokratische Werte lehnen sie ab. Die Gruppe weiß um ihren Einfluss und droht: "Die Revolution fängt erst an."

Beunruhigt angesichts der Lage in der Ukraine ist auch die israelische Einwanderungsorganisation Jewish Agency. "Zwar gibt es keine Berichte über Gewalt gegen jüdische Gemeinschaften in Kiew oder anderswo, aber jüdische Anführer haben uns gegenüber ernsthafte Besorgnis über die Sicherheit ihrer Gemeinschaften ausgedrückt", schreibt die Jewish Agency auf ihrer Homepage. Sie sammelt Spenden für einen Nothilfe-Fonds, um etwa Schulen und Synagogen in Kiew und anderen Städten zu schützen.  

Sicherheitsvorkehrungen vor Synagogen und Schulen

Andere wollen beruhigen. Der Oberrabbiner der Ukraine, Yaakov Bleich, sieht keine besondere Gefahr für Juden: "Wir haben keine willkürlichen Angriffe beobachtet und wir hoffen, dass die Leute hauptsächlich an Recht und Ordnung interessiert sind, nicht an Chaos", zitiert die Jerusalem Post den Geistlichen. Er wisse von keinen Drohungen.

Gegenüber der Jüdischen Allgemeinen sagte Bleich allerdings: "Solange keine Normalität eingekehrt sei, kann man sich nicht sicher fühlen." Üblicherweise nehme die Zahl antisemitischer Anschläge während des Wahlkampfs zu: "Wir werden also auch in den kommenden Wochen vor unseren Synagogen und Schulen die hohen Sicherheitsvorkehrungen aufrechterhalten."

Es habe zwar antisemitische Übergriffe gegeben seit Beginn der Proteste, aber kein einziger sei auf die Maidan-Bewegung zurückzuführen, sagte der Politologe Vyacheslav Likhachev, Mitglied des Euro-Asian Jewish Congress (EAJC), der Jerusalem Post. Dass Janukowitsch abgesetzt ist, könnte den Rechtspopulisten seiner Ansicht nach sogar den Wind aus den Segeln nehmen. Unzufriedenheit mit dem ehemaligen Präsidenten habe ihren Erfolg mitbegründet, sagte er. Ohne ihn könnte die Swoboda-Vereinigung auch wieder verschwinden.