Schließlich entschieden knapp 19.500 Stimmen über Sieg und Niederlage. Um 16.42 Uhr aber war klar: die Schweizer Stimmbürger haben die Initiative der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) Gegen Masseneinwanderung angenommen. Mit 50,3 Prozent Ja-Stimmen.

Die Befürworter kämpften zwar gegen eine Phalanx aus Mitte- und Links-Parteien, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften, Regierung und Parlament. Aber sie hatten den stärksten Schweizer auf ihrer Seite: das Unbehagen.

Die Bevölkerung in der Schweiz wuchs in den vergangenen Jahren um jährlich 80.000 Menschen. Im Sommer 2012 zählten die Statistiker erstmals acht Millionen Einwohner. Für eine knappe Mehrheit der Schweizer war das zu viel. Sie fühlen sich fremd im eigenen Land.

Dabei geht es der Schweiz so gut wie kaum einem anderen Land in Europa. Die Arbeitslosenzahlen sind auf rekordtiefem Niveau, die Wirtschaft brummt, die demografische Alterung wurde gebremst – alles dank der Zuwanderung. 

Aber an diesem Sonntag entschied nicht der Kopf, sondern der Bauch darüber, was die Schweizer auf ihre Stimmzettel schrieben. 

Die Städte lehnten die SVP-Initative ab

Es ging nicht um den im Abstimmungskampf oft beschworenen "Dichtestress". Es ging nicht um die fehlenden Sitzplätze in den Zügen, nicht um den Stau auf den überlasteten Straßen, nicht um die horrenden Wohnungsmieten in den Großstädten. Denn in jenen Regionen, wo die neuen Einwanderer tatsächlich leben, in Zürich, Genf oder der Waadt, wurde die SVP-Initiative abgelehnt. Sogar im Kanton Zug, wo Familien mit Kindern kaum mehr eine bezahlbare Wohnung finden, weil der Fleck zu einem internationalen Rohstoffhandel-Hub mutierte, wurde das Volksbegehren knapp abgelehnt.

Worum ging es dann?

Um es in den Worten einer US-Botschafterin zu sagen: "Fuck the EU".

Die Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative wurde zu einem Plebiszit über das Bild, das die Schweizer von ihrem Land haben. Und dabei gewannen die konservativen, ländlichen Gebiete hauchdünn gegen die liberalen, städtischen Orte, die Deutschschweiz und das Tessin gegen die Westschweiz. Hier die nach innen gekehrten Ränder, dort die nach außen orientierten Boomtowns.   

Dem Land drohen unruhige Zeiten

Doch den Preis, den das Land für diesen ideologischen Entscheid bezahlt, könnte riesig sein.

Denn die im Initiativtext verlangte Kontingentierung der Zuwanderung verstößt gegen die bilateralen Verträge der Schweiz mit der EU. Diese regeln die unterschiedlichsten Fragen: vom freien Personenverkehr über den Luftverkehr und die wissenschaftliche Zusammenarbeit bis Handel mit Agrarprodukten. Und Brüssel ist kaum willens für das kleine Nicht-Mitglied Schweiz bei der Personenfreizügigkeit eine Ausnahme zu machen – zu groß ist die Furcht, dass damit ähnlich gelagerte Begehrlichkeiten von EU-Ländern wie Großbritannien geschürt werden könnten.

Noch ist unklar, wie der Verfassungstext der  SVP-Initiative genau umgesetzt werden soll. Dazu braucht es erst eine Gesetzesvorlage. Eines aber ist an diesem für die Schweiz historischen Sonntagabend sicher: Dem Land drohen unruhige Zeiten. In der Innen- wie in der Außenpolitik.