EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in der Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem. © DPA/Abir Sultan

Man traut es Martin Schulz schon zu, dass er das wegsteckt. Tumulte kennt der deutsche Sozialdemokrat ja auch aus dem EU-Parlament in Brüssel. Es hätte ihn deshalb schon gewundert, sagte er am Ende seiner Rede in der Knesset in Jerusalem, wenn diese keine Reaktionen hervorgerufen hätte. Ein bisschen wird er allerdings schon daran zu kauen haben, dass rechtsgerichtete israelische Abgeordnete unter Protest den Saal verließen, weil sie aus seinem Munde "keine Lektionen" in Empfang nehmen wollten.

Hinterher schrieb einer von ihnen, Naftali Bennett, der Vorsitzende des Jüdischen Hauses, auf seiner Facebook-Seite, dass er nicht bereit sei, "Lügen" hinzunehmen und auch keine "falschen Moralpredigten gegen Israel in der israelischen Knesset, gewiss nicht von einem Deutschen." Unglücklicherweise habe ihn niemand korrigiert, fügte Bennett hinzu.     

Worum genau ging es? Zunächst einmal um die Unterstellung, Palästinensern stünde im Westjordanland deutlich weniger Wasser zur Verfügung als israelischen Siedlern. Inzwischen räumt Schulz ein, dass er die Details zur Wasserfrage tatsächlich nicht gecheckt habe, aber eben ausdrücklich nur eine Frage weitergegeben habe, die ihm ein junger Palästinenser in Ramallah gestellt habe.

Dann stieß Schulz mit seiner Kritik an der israelischen "Blockade" des Gazastreifens, die dort zu wirtschaftlicher Not führe, in ein Wespennest. Denn was in EU-Kreisen als lang etablierte Position gilt, sehen die Israelis mit anderen Augen. Immerhin lasse Israel ja als einziges Land überhaupt Waren in den Gazastreifen, während Ägypten auf der anderen Seite die Grenze dichthalte und dafür nicht in die Pflicht genommen werde. Und wenn Beton nicht zu diesen Waren gehören dürfe, so die israelische Verteidigungslinie, dann deshalb, damit die Hamas keine unterirdischen Tunnel mehr bauen könne, um Waffen zu schmuggeln. Bennett warf Schulz vor: "Hat er vergessen, dass wir 8.000 Juden aus dem Gebiet vertrieben haben und trotzdem mit Raketen aus Gaza beschossen werden?"

Bennett verlangt Entschuldigung von Schulz

Schulz mag sich damit trösten, dass sich die offene Feindschaft, die ihm entgegenschlug, auf einige wenige Abgeordnete beschränkt. Zudem befindet sich Bennett im Augenblick ja auch auf Konfrontationskurs mit Premier Benjamin Netanjahu, dem er vorwirft, nicht stärker gegen die amerikanischen Friedensbemühungen zu wettern. Die Siedlerbewegung ist da besonders nervös. Bennett muss für sie in die Bresche springen, wenn er deren Interessen weiterhin glaubwürdig verteidigen möchte. Jetzt verlangt er eine Entschuldigung von Schulz, zu der es eher nicht kommen wird.

Es ist eine schwierige Gratwanderung für Martin Schulz, der bestimmt nicht zu Israels größten Kritikern in der EU zählt und am Abend zuvor erst eine Doktorwürde der Hebräischen Universität in Empfang genommen hat. Er war oft in Israel, gilt eher als ein Verteidiger Israels in Brüssel, aber auch er hat seine roten Linien, also kann – oder will – er sich auch nicht zu weit distanzieren von der großen EU-Politik. 

Trotzdem stehen die Tumulte in der Knesset für eine gereizte Atmosphäre in Israel im Hinblick auf Europa. Das ist nicht unbedingt neu, aber das Klima hat sich verschärft, seit EU-Richtlinien explizit vorschreiben, dass sich bilaterale Abkommen künftig nicht mehr auf umstrittene Gebiete beziehen dürfen und einzelne europäische Länder Rentenfonds aus Israel abgezogen haben. In Israel fürchtet man durchaus, dass sich dies zu einem echten Boykott ausweiten könnte, falls die Friedensbemühungen von US-Außenminister John Kerry scheitern.