Es gab im Putinschen Russland eine Phase der Zwischenregierung, an die sich kaum jemand erinnern mag. Dmitri Medwedew hieß der Gefolgsmann, dem Wladimir Putin 2008 wie ein Lehnsherr den Präsidentensessel im Kreml überließ, weil er nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren durfte. Für die folgenden gut drei Jahre gaben sich Moskauer Politologen der Voraussagerei hin, ob denn Wladimir Putin 2012 wieder als Präsidentschaftskandidat antreten werde. 

Eines der stärksten Argumente für seine Wiederkehr war, dass er sich die feierliche Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi, die er dorthin geholt hatte, nicht entgehen lassen werde. Putin trat wieder an und gewann. Ab Freitag möchte er den Ruhm der Welt genießen.

Das Milliarden-Spektakel an der Schwarzmeerküste soll den wirtschaftlichen und geopolitischen Wiederaufstieg Russlands unter die Supermächte demonstrieren. "Wir sind wieder wer!", lautet die Botschaft auch an das eigene Volk. "Stolz" und "Patriotismus" gehören derzeit zum alltäglichen Vokabular im Staatsfernsehen. "Nach dem Zusammenfall der Sowjetunion und nach den ziemlich schwierigen, blutigen Ereignissen im Kaukasus war der allgemeine Zustand der Gesellschaft niedergedrückt und pessimistisch", erklärt Putin den Sinn des sportlichen Großereignisses wie ein Ingenieur der Volksseele: "Wir müssen unsere Sorgen abschütteln und verstehen, dass wir große, bedeutende Projekte in die Tat umsetzen können."

Ein starker Staat – nach innen wie außen

Putin besitzt zwar keine festgezurrte Ideologie, aber doch ein grobes Koordinatensystem an Werten und Weltbildern. Der Status Russlands als Supermacht und das Vorrecht eines starken Staates vor der Gesellschaft gehören dazu. Russlands Militärausgaben steigen in den nächsten drei Jahren um 44 Prozent – zu Lasten der Haushalte für Gesundheit und Bildung.

Dem Kreml-Herrscher geht es in alter Tradition vor allem um die großen Ziele und Symbole, weniger um den einzelnen Menschen. Das Staatsfernsehen schwelgt in Bildern der Glaspalastbahnhöfe und futuristischen Stadien in Sotschi, während die Bewohner alter Baracken ohne Wasseranschluss und Kanalisation am Rande der neuen Autostraßen oder hinter Sichtbarrieren aus Beton kaum ein Thema sind. Der erhoffte Medaillensegen für die russische Mannschaft soll dem neuen Lieblingsprojekt Putins, der "patriotischen Erziehung" des Volkes, zusätzlichen Schub geben.

Prekäre Sicherheit

Putins Wahl fiel auf den Austragungsort Sotschi, da er seine Yacht auf dem Schwarzen Meer und die nahen kaukasischen Skihänge liebt. In der Präsidentenresidenz von Sotschi fühlt er sich so wohl, dass die Stadt zur dritten Hauptstadt Russlands aufgestiegen ist. Mit den Olympischen Spielen möchte er zudem der Welt zeigen, wie sicher der einstige Krisenherd Kaukasus unter seiner Herrschaft geworden sei, und der Region einen Entwicklungsschub geben.

Im Kaukasus hat seine steile Karriere als Staatschef begonnen, als er Anfang 2000, zu Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges, im Kampfjet einflog. Hier soll sie einen weiteren Höhepunkt erleben: einen befriedeten, modern entwickelten Kaukasus. Die einzigartigen Sicherheitsmaßnahmen rund um Sotschi, das für mehr als einen Monat im Ausnahmezustand lebt und sogar vom Straßenverkehr des restlichen Russlands abgeschnitten ist, erschüttern allerdings dieses Wunschbild.

Milliarden-Füllhorn für Putins Wirtschaftsfreunde

Die Kritiker des Präsidenten beantworten die Frage, wozu Russland und Putin überhaupt die Winterolympiade brauchten, mit einem anderen Argument: Sie verweisen auf das große Geld, das viele verlockt habe. Denn bei geschätzt 50 Milliarden Dollar Kosten, die Sotschi zu den teuersten Olympischen Spielen aller Zeiten machen, gab es viel zu verteilen. Allein die 50 Kilometer lange Straße, die mit großer Ingenieurskunst und viel Beton hinauf in die Berge zum Ort der Skiwettbewerbe in den Boden gerammt wurde, hat sechs Milliarden Euro gekostet. So teuer waren die letzten Winterspiele in Vancouver insgesamt.

Ein großer Teil der Bauaufträge, berichtet der Oppositionspolitiker Boris Nemzow, ging ohne Ausschreibung an die Russische Eisenbahn, der ein alter Kumpel Putins, Wladimir Jakunin, vorsteht, und an das Firmenimperium der Brüder Rotenberg, Jugendfreunde Putins aus Sankt Petersburger Zeit. Für die Putin-nahe Wirtschaft kam Sotschi einem Füllhorn gleich.

Putins persönliches Projekt

Die Spiele von Sotschi sind darüber hinaus Putins ganz persönliches Projekt. Im Juli 2007 war er selber zur Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees nach Guatemala gereist, um für den russischen Austragungsort zu werben. Er warf seinen ganzen Charme und viel Geld in die Waagschale: Zwölf Milliarden Dollar, die "enthusiastische Zustimmung von ganz Russland" und eine Schneegarantie für die Spiele versprach er damals in fließendem Englisch und sogar ein bisschen Französisch. Viele der Delegierten waren beeindruckt. Sotschi siegte.

Mittlerweile hat Putins Zauber allerdings deutlich nachgelassen: Sein Einsatz im vergangenen November für die Vergabe der Weltausstellung 2020 nach Jekaterinburg, den er mit einem englischsprachigen Werbevideo krönte, blieb erfolglos. Die Wahl fiel auf Dubai.