Dieser Traum hat mich völlig verstört, dabei fing er so harmlos an: Ich wollte zur Berlinale. Doch auf der Fahrt schlief ich ein. Als ich die Augen wieder öffnete, war ich gerade in Sotschi angekommen, und vor mir saß nicht George Clooney, sondern Wladimir Putin. Mit nacktem Oberkörper. "Ich bin im falschen Bus!", schrie ich panisch. Der russische Präsident nahm mich sanft bei der Hand: "Aber Eric, wieso denn? Es ist doch schön hier." Draußen glitzerte der Schnee.

"Sie sind ein halber Diktator, deshalb", sagte ich. "Sie unterdrücken Meinungsfreiheit und Schwule, und außerdem gibt es in Sotschi keine vernünftigen Toiletten."

"Das hast du wohl aus der Zeitung", meinte er, ein charmantes Lächeln auf den Lippen. "Denk mal nach: Wie oft liest du in Deutschland Nachrichten über deine Heimat, die auch nur annähernd der Wahrheit entsprechen?" Putin hatte recht, natürlich: Je schlimmer die Journalisten über ein fremdes Land herziehen, desto erfolgreicher sind sie. "Ich möchte ja nicht prahlen, aber es gibt heute kaum einen Politiker auf der Welt, der so missverstanden wird wie ich. Lass mich erzählen, was ich alles für mein Land tue." Ich lehnte mich bequem zurück und wollte dem Impuls folgen, auch mein Hemd abzulegen. Doch Putin hob nur die Hand und sagte: "Nicht alle können das, Eric."

Sicher, gab er zu, er habe mit eiserner Faust bei der Opposition durchgegriffen, sich gar wie ein Zar aufgeführt. Aber es gäbe auch eine andere Geschichte: die des russischen Erfolgs. Nach dem Fall der Sowjetunion lag Russland in Trümmern, und Wladimir machte sich als einziger konsequent an den Wiederaufbau. Auch wenn große Teile des Landes noch immer verarmt sind – er hat es weitgehend geschafft. Nicht nur das: Er hat auch erreicht, dass der Westen wieder Angst vor dem russischen Bären hat. Das sieht man schon an der verzweifelt-hämischen Berichterstattung über Sotschi.

"Ist es demokratisch, was Merkel Griechenland antut?"

"Und nun schau dir Europa an", forderte mich Putin auf und spielte an seinem dicken Siegelring, geschmolzen aus den Silberlöffeln seiner Feinde. "Wie viele Politiker respektierst du dort noch? Hollande? Ein Clown, der große Versprechen gemacht hat, die er nie erfüllen kann. Der letzte interessante italienische Staatsmann war Berlusconi, aber nicht, weil er respektabel war. Cameron? Unfähig. Merkel? Was macht sie überhaupt den ganzen Tag? Ich weiß nie, wann sie im Büro ist oder im Urlaub. Und sag bloß nicht, diese Menschen seien mir moralisch überlegen: Ist es demokratisch, was Merkel Griechenland antut? Wie viele moralische oder überhaupt zukunftsweisende Impulse gehen von der EU aus?"

Ich wusste, worauf er hinauswollte, der Schlingel. Man kann – vielleicht muss man – Putin hassen, aber es stimmt schon: Er ist der einzige wirklich interessante Politiker weit und breit heutzutage. Plötzlich lief es mir kalt über den Rücken. "Was haben Sie vor mit uns?", fragte ich bange.