Auf einem Kasernenhof neben dem Sambadrom, umgeben von einem Ensemble altersschwacher Dienstgebäude, üben die Sicherheitstruppen von Rio de Janeiro das Beschützen von Fußballfans. Das "Schockbataillon" der Polizei hat hier seinen Sitz, etwas ausführlicher "Eingreiftruppe zur Kontrolle ziviler Störungen" genannt. Der Kommandant des Ganzen will aber gleich erst mal Missverständnisse vermeiden: "Das brasilianische Gesetz erlaubt Demonstrationen", sagt André Luiz Araújo Vidal. Er ist ein kräftiger Krieger in einer Uniform aus grau-schwarzen Tarnfarben, die grau-weißen Haare hat er millimeterkurz geschoren und seine Füße stecken in schwarzen Springerstiefeln. "Wir sind dafür da, um dieses Recht zu schützen."

Das stimmt schon mal insofern, als dass sich mitten auf seinem Kasernenhof gerade eine Gruppe gefährlich aussehender "Demonstranten" zusammenrotten darf. Männer, die sich ihre T-Shirts vom Leib gerissen haben und sie nun um den Kopf binden. Sie sind vermummt und bewaffnet, sie tragen Holzstöcke, Kartons, Plakate ("Nieder mit der Polizei!"), Blechtonnen, einen Malerpinsel, einen Autoreifen, eine Metalltür und Leitkegel aus weiß-orangefarbenem Plastik. Einer der Demonstranten hämmert ein bisschen auf seiner Blechtrommel herum. Ein Polizeihubschrauber schießt in einem dramatischen Sturzflug auf die Szenerie, das macht viel Lärm und alle ducken sich kurz, dann verschwindet er wieder hinter den Häusern.

Die Demonstranten sind nicht echt: Sie sind die Loser-Truppe des Schockbataillons. Gleich wollen ihre Kollegen die neuesten Methoden zum Schutz des Rechts auf Demonstrationen vorführen, und die Stimmung unter den Vermummten ist etwas gedämpft, weil man dabei immer eins auf die Mütze bekommt. Sie machen aber was draus. Singen und Trommeln hebt in Brasilien immer gleich die Stimmung, also stimmt der Pulk ein paar Lieder und Sprechchöre an: "Nieder mit der Polizei!", skandieren sie, "Hier wird es keine Fußball-WM geben!", "Schafft die Diktatur ab!" 

Die Sache könnte realistischer wirken, wenn die Amtsdemonstranten nicht  dazu angehalten wären, langsamen Schrittes und in sauberer Formation den Kasernenhof zu umrunden, insgesamt fünfmal. Als ein Dienstfahrzeug den Kasernenhof langfährt, rufen sie "Hurensöhne" und werfen mit Wasserflaschen. Dann schlagen sich auf die Schenkel und lachen sich kaputt.

Es folgt: der Auftritt des Schockbataillons. Oder besser gesagt: der Robocops von Rio. Vollständig bekleidete Mitglieder dieser Spezialeinheit tragen über ihrer Tarnfarben-Uniform ein ganzes Ensemble von Schutzschildern in Schwarz, an den Armen sind sie mit reptilienartigen Panzern gewappnet, auf dem Kopf haben sie einen runden Helm und im Gesicht eine Gasmaske. Das sieht alles ziemlich filmreif aus.

Eine kleine Formation der Robocop-Krieger verschanzt sich hinter großen transparenten Schutzschilden, dann geht sie schrittweise auf die Demonstranten zu. Einer der Schock-Polizisten redet etwas in sein Megafon, aber da er das Megafon hinter sein Schild hält, hört man ihn nicht so gut. Nun geht es aber auch schon los: Demonstranten stürmen auf Robocops zu, Robocops nehmen Demonstranten in den Schwitzkasten, Demonstranten brüllen "Attentäter!", Knall- und Rauchbomben verwandeln den Kasernenhof in ein Schlachtfeld. Als der Rauch sich lichtet, sind alle Demonstranten geflüchtet oder abgeführt.

"Wir haben einige der neuesten Methoden von französischen und spanischen Polizeieinheiten übernommen", sagt stolz Kommandant Vidal, "zum Beispiel das Einkesseln von Demonstranten". Dann redet er noch ein bisschen über "chemische Waffen". Ob es auch Spezialisten in seiner Einheit gebe, die mit den Demonstranten reden? Die versuchen, die Lage zu deeskalieren?  

"Ja, das haben Sie doch gesehen, da war der Kollege mit dem Megafon", sagt der Kommandant etwas irritiert, er hat die Frage zunächst nicht ganz verstanden. Dann sagt er, dass die meisten Demonstrationen sich friedlich auflösten und dass seine Truppe – pro Demo sollen etwa 200 Mann mitgehen – in solchen Fällen auch gar nicht eingesetzt werden müsse.  

Sein "Schockbataillon" sei aber nicht zum Quatschen da, sondern für die Vertreibung von Störern rings um die WM, die Sicherung von Autokonvois, brenzlige Polizeiaktionen in Favelas und dergleichen mehr. Andere Polizisten, "die erste Reihe", die könnten ja mit den Demonstranten verhandeln. "Deren Aufgabe ist es, zu vermeiden, dass es überhaupt eine Konfrontation mit meinen Leuten gibt." Aber immer gehe das nun mal nicht. In Rio de Janeiro zögen Gruppen von Vandalen umher, "Gruppen ohne jedes (politische) Ziel", die einfach nur auf Ärger und Zerstörung aus seien.  

Auf dem Kasernenplatz sind jetzt keine Demonstranten mehr. Da stehen wieder Polizisten in frischen weißen T-Shirts, in Quaderformation, und jeder legt seinem Vordermann eine Hand auf die Schulter. Ein Drill Instructor brüllt irgend etwas Unverständliches mit "Schock" am Ende, und seine Truppe brüllt einen Kampfschrei heraus: "Schock!" Die Männer stehen jetzt wieder zusammen. Sie wissen, auf welcher Seite sie kämpfen.