Gibt es den Arabischen Frühling noch? Nicht mehr in Syrien, Ägypten und Libyen, vom Jemen ganz zu schweigen. In Syrien tobt der Bürgerkrieg. In Kairo hat erst der Islamismus versucht, die ganze Macht an sich zu reißen; jetzt ist das Land unter Marschall Sisi wieder da, wo es in den letzten sechzig Jahren gewesen ist: unter der Knute der Armee. Libyen gehört weder den Demokraten noch den Islamisten, sondern den Milizen.

Der Sonderfall ist Tunesien, wo der Frühling nicht erstickt worden ist. Dieser Autor hatte vor drei Jahren gemutmaßt, dass dieses Land die besten Chancen hätte, und zwar anhand der günstigsten sozio-ökonomischen Daten. Es hatte damals das höchste Pro-Kopf-Einkommen in der Arabischen Liga (mit Ausnahme des Libanons und der Petro-Staaten). Ägypten schaffte nur knapp über die Hälfte. Tunesien sticht auch hervor bei den Faktoren "Bildung" und "Öffnung". Es gab mit 7,2 Prozent seiner Wirtschaftsleistung (BIP) doppelt so viel für Bildung aus wie Ägypten. Acht von zehn Tunesiern können lesen und schreiben; in Marokko sind es nur fünf.

Ein simpler Gradmesser für die wirtschaftliche Öffnung ist die Exportquote (Ausfuhr gemessen am BIP). Hier bricht Tunesien (Ausnahme wiederum die Öl-Potentaten) den arabischen Rekord. Seine Exportquote liegt bei 40 Prozent; das Land liegt damit auf Augenhöhe mit den Europäern. Ägypten schaffte damals gerade 24 Prozent, ein Wert, der nach der Revolution abgestürzt ist. Schließlich ist Tunesien weitaus stärker urbanisiert als die arabischen Brüder. Zwei Drittel sind Städter.

Was diese Statistiken belegen? Tunesien hatte, jedenfalls im Vergleich zu den Nachbarn, eine Mittelschicht und war somit reifer für die Demokratie als alle anderen "Frühlingsländer". Eine aufstrebende Mittelschicht, das zeigt die europäische Geschichte, ist ein klassischer Motor der Demokratisierung. Wer arm ist, hat weder Zeit noch Energie für Politik. Je gebildeter die Bürger, desto höher seine Fähigkeit, sich einzubringen. Je offener ein Land, desto mehr saugt es Impulse von außen auf, desto mehr macht das Beispiel Schule: Was die im Westen haben, wollen wir auch.

Heute darf man den Tunesiern "mabruk" – gut gemacht, gratuliere – sagen. Ja, es gab auch in Tunesien Proteste und Gewalt. Aber es gab auch den Kompromiss, der anderswo eine Fata Morgana bleibt. Die islamistische Enada-Partei hat freiwillig die Macht an eine Technokraten-Regierung abgegeben. Gerade hat sich das Land fast einstimmig eine liberale Verfassung verpasst. Präsident Marzouki verkündete: "Die Regierung und die Opposition haben gewonnen. Tunesien hat gewonnen." Präsidentschafts- und Parlamentswahlen folgen noch in diesem Jahr.

Tunesien ist das Modell. Aber aufgepasst. Da ist noch ein anderer Sonderfall im Spiel. Tunesien ist neben Jordanien und den Scheichtümern das einzige arabische Land, wo das Militär sich weder eingemischt noch die Macht ergriffen hat – ein Glücksfall für die Demokratie. Unnötig hinzufügen, dass der Westen dieses Modell hegen und pflegen sollte – am besten mit Investitionen und Handelserleichterungen. Den Rest, Inschallah, machen die Tunesier selber.