Drei Tage ist es erst her, da blickte jener Teil der Welt, der die Ukraine nicht schon wieder vergessen hatte, noch mit Hoffnung nach Kiew: Die Protestbewegung räumte Verwaltungsgebäude in Kiew und anderen Städten. Die Demonstranten öffneten gar auf der Gruschewski-Straße in der Hauptstadt ihre Barrikaden wieder für den Verkehr. So konnte am nächsten Tag die Amnestie für die festgenommenen Demonstranten in Kraft treten. Beide Seiten hielten also ihre Versprechen, es schien mit kleinen Schritten der Entspannung weiter zu gehen.

Doch nur 48 Stunden später steht die Ukraine am Rande eines Bürgerkriegs: Während der letzten beiden Tage eskalierten die Proteste wieder und mit ihnen die Gewalt: Hunderte Menschen wurden allein in Kiew verletzt, etwa 30 Menschen kamen ums Leben. Auf dem Maidan bewerfen sich Polizei und Demonstranten mit Molotowcocktails und Blendgranaten, und offenbar benutzten beide Seiten am Dienstag auch scharfe Munition. In Lwiw stürmten die Protestler eine Kaserne und brachten Waffen und Munition in ihren Besitz. Als Antwort erklärte der Geheimdienst am Nachmittag den Beginn einer landesweiten "antiterroristischen Operation", die auch den Einsatz der Armee zum Schutz der öffentlichen Ordnung ermöglicht.

Wie konnte die Lage so schnell eskalieren? Die politischen Führer der Opposition behaupten, das Regime sei schuld, weil es die Rückkehr zur Verfassung von 2004 blockiert habe. Das Regime behauptet, die Opposition sei schuld, weil sie gemeinsame Sache mit dem gewaltbereiten Teil der Demonstranten mache.

Heuchelei auf beiden Seiten

Beide Seiten haben recht, und beide Seiten heucheln: Die Oppositionsführer Arseni Jazenjuk und Oleg Tjagnibok führten am Dienstag einen Protestzug in Richtung Parlament, und es war klar, dass der Aufmarsch zu gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei führen würde: Alle Zugänge zum Parlament werden seit Wochen schwer bewacht. Und eben diese Gewalt sollte auch die Drohkulisse sein, um das Parlament zur sofortigen Annahme zur Verfassung von 2004 zu zwingen.

Aber auch Präsident Viktor Janukowitsch heuchelt, weil die Methoden seiner Berkut-Sondereinheiten und der vom Staat beauftragten Schlägertrupps weit über das hinausgehen, was zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung nötig wäre. Er heuchelt auch, weil seine Partei der Regionen die versprochenen Reformen, insbesondere jene der Verfassung, immer und immer wieder hinauszögert. 

Opposition scheut die Revolution

Regierung wie Opposition zeichnen sich zudem durch einen gewissen Grad an Feigheit aus: Die Oppositionsführer schicken ihre Anhänger ins Feuer der Polizei, um den Druck auf den Staat zu steigern. Sie selbst waschen ihre Hände dabei in Unschuld. Nach dem Motto: "Die Menschen waren friedlich – aber der Staat hat sie provoziert." Das war das Szenario bei den blutigen Zusammenstößen auf der Gruschewski-Straße im Januar, und es wiederholt sich nun.

Wenn Vitali Klitschko und seine Mitkämpfer aber wirklich der Meinung sind, dass Verhandlungen mit Janukowitsch sie nicht weiterbringen, dass der Präsident ein  Diktator ist, der nur die Sprache der Gewalt versteht, dann sollten sie zur Revolution aufrufen. Aber sie fürchten die Folgen – auch weil sie dann im Westen nicht mehr als verhandlungs- und kompromissbereite Friedensengel auftreten könnten.