Russland setzt die für die Ukraine geplanten Finanzhilfen vorerst aus. Zunächst müsse es eine neue Regierung geben, sagte Finanzminister Anton Siluanow bei dem G-20-Treffen in Sydney. Eigentlich wollte Russland für zwei Milliarden Dollar ukrainische Anleihen kaufen. Es wäre die zweite Tranche eines insgesamt 15 Milliarden Dollar umfassenden Hilfspakets gewesen.

"Letzte Woche haben wir darüber gesprochen. Aber seitdem hat sich die politische Lage dramatisch geändert. Jetzt müssen wir warten, bis es eine neue Regierung gibt, bevor wir darüber eine Entscheidung fällen können", sagte Siluanow. Russlands Vizeaußenminister Grigori Karassin hatte noch vor wenigen Tagen beteuert, dass Russland termingerecht bezahlen werde.

Russlands Außenministerium wirft der ukrainischen Opposition vor, keine der Vorgaben aus dem am Freitag ausgehandelten Friedensabkommen erfüllt zu haben. Es war unter Vermittlung von Deutschland, Frankreich und Polen zustande gekommen.

Rehn fordert EU-Perspektive für Ukraine

Die Europäische Union signalisierte derweil, der Ukraine finanziell beizustehen. Wirtschaftskommissar Olli Rehn sagte auf dem G-20-Treffen, die EU stehe für eine substanzielle finanzielle Unterstützung bereit, sobald es eine politische Lösung des Konflikts gebe. Als Bedingung nannte auch er eine neue Regierung. Diese solle institutionelle und wirtschaftliche Reformen ernsthaft angehen. Darüber hinaus müsse die EU der Ukraine eine klare europäische Perspektive bieten. "Wir müssen den Herausforderungen dieses historischen Moments gerecht werden."

Auch der Osteuropabeauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), sieht jetzt die EU bei der Verhinderung einer Staatspleite in der Ukraine in der Pflicht. Um diese abzuwenden, sei die "EU am Zug", sagte er der Zeitung Welt am Sonntag. Für das Land müsse rasch ein Paket geschnürt werden.

Neben der Europäischen Union stellten auch die USA und der Internationale Währungsfonds Unterstützung in Aussicht. "Wenn die ukrainischen Behörden sich an den IWF wenden, sei es mit der Bitte um Beratung, sei es wegen Diskussionen über finanzielle Hilfen, gekoppelt an Wirtschaftsreformen, stehen wir selbstverständlich bereit", sagte IWF-Chefin Lagarde.

"Das Volk hat gewonnen"

Präsident Viktor Janukowitsch hatte im November die Abwendung des Landes von der Europäischen Union und eine stärkere Anlehnung an Russland eingeleitet, das später die Finanzhilfen zusagte. Bereits im Dezember flossen drei Milliarden Dollar.

Die Annäherung an Russland hatte eine Staatskrise in der Ukraine ausgelöst, in deren Folge die Proteste auf dem Maidan begannen. Am Samstag setzte das ukrainische Parlament schließlich Janukowitsch ab und beschloss die Freilassung von Julija Timoschenko nach über zwei Jahren in Haft. Die Politikerin verließ am Nachmittag das Krankenhaus im östlichen Charkow, reiste umgehend nach Kiew und hielt eine emotionale Rede am Maidan, in der sie die Demonstranten zum Weitermachen aufforderte.

Janukowitschs Gegner sind überzeugt, dass der Präsident endgültig entmachtet ist. "Das Volk hat gewonnen, weil wir für unsere Zukunft gekämpft haben", sagte Oppositionsführer Vitali Klitschko vor dem Auftritt Timoschenkos. Zugleich mahnte er die Demonstranten zur Ruhe. Sie dürften nicht auf eigene Faust für Gerechtigkeit sorgen, sagte der Ex-Boxweltmeister. "Das ist erst der Anfang der Schlacht."

Spaltung des Landes droht

Janukowitsch selbst hält an der Macht fest: "Ich werde das Land nicht verlassen, ich habe nicht vor zurückzutreten", sagte er in einer Fernsehansprache und beklagte einen "Staatsstreich". Vom Parlament verabschiedete Gesetze nannte er "rechtswidrig". Der neu gewählte Parlamentspräsident Alexander Turtschinow, ein Vertrauter Timoschenkos, teilte später mit, Janukowitsch habe ein Flugzeug nach Russland nehmen wollen, sei aber vom Grenzschutz daran gehindert worden. Er halte sich in der östlichen Region Donezk "versteckt".   

Beobachter befürchten derweil eine Spaltung des Landes, das im Osten russischsprachig und im Westen proeuropäisch eingestellt ist. In Charkow stellten sich Gouverneure des russischsprachigen Ostens und Regionalparlamentarier demonstrativ hinter Janukowitsch. In einer Erklärung forderten sie Regionalpolitiker auf, die verfassungsmäßige Ordnung in ihren Gebieten zu wahren. Die Ereignisse in Kiew hätten zur "Lähmung der Zentralregierung und Destabilisierung des Landes geführt". Den Demonstranten auf dem Maidan warfen sie Wortbruch vor, weil sie nicht wie vereinbart ihre Waffen abgegeben und die Protestlager geräumt hätten.

Einige riefen dazu auf, Freiwilligenverbände zum Schutz gegen die Gewalt von Demonstranten aus den prowestlichen Regionen aufzustellen. Die Versammlung appellierte an die in den östlichen Regionen stationierten Militäreinheiten, neutral zu bleiben und Munitionslager zu schützen.