Auf der Krim ist die Stimmung in der Regionalhauptstadt Simferopol an diesem Donnerstag angespannt, aber ruhig gewesen. Die Hauptstraße war für den Verkehr gesperrt, staatliche Gebäude und viele Geschäfte blieben geschlossen. Das einzig Auffällige waren prorussische Demonstranten, die sich vor dem Parlamentsgebäude versammelt hatten.

Am Morgen, kurz nach 4 Uhr, war die Stimmung noch eine andere: Eine Gruppe von bewaffneten Männern hatte das Parlament gestürmt, die Sicherheitsleute verscheucht und die russische Flagge gehisst. Die Aktion verlief jedoch friedlich. Auch der Sitz der Regionalregierung wurde gestürmt. Das Ziel der bewaffneten Männer war klar: Sie wollten das Parlament zwingen, ein Referendum zu beschließen, das zur Unabhängigkeit der Krim führen könnte.  

Am Mittwoch hatten Tausende proukrainische Demonstranten unter Führung der gut organisierten Tataren-Minderheit, der etwa jeder achte Bewohner der Region angehört, das Parlament daran gehindert, eine Sitzung über das Referendum zu halten. Es kam zu Zusammenstößen mit prorussischen Demonstranten. Berichten zufolge starben zwei Menschen. Schließlich zogen beide Seiten wieder ab und alles hatte nach einem Sieg für die proukrainischen Demonstranten ausgesehen. Doch dann stürmten die bewaffneten Männer das Parlament und die Abgeordneten beschlossen ein Referendum für den 25. Mai – den Tag, an dem die Ukraine laut Parlamentsbeschluss in Kiew auch einen neuen Präsidenten wählt.

Auf der Krim sollen die Wähler dann "über die staatliche Souveränität innerhalb der Ukraine" abstimmen und entscheiden, ob die Halbinsel als autonome Region in der Ukraine bleibt. Die proukrainischen Krimbewohner fürchten, das könnte der erste Schritt einer Abspaltung sein. Der Chef der nationalen Übergangsregierung, Arseni Jazenjuk, sagte, die territoriale Integrität des Landes sei bedroht. Übergangsinnenminister Arsen Awakow teilte mit, Sondereinheiten der Polizei seien in Alarmbereitschaft versetzt worden, um ein "Blutbad unter der Zivilbevölkerung" zu verhindern.

Das Parlament setzte unter dem Druck der prorussischen Demonstranten außerdem Premierminister Anatoli Mogiljow ab. Obwohl er Janukowitschs Regierung angehörte, hatte er zur Besonnenheit aufgerufen. Parlamentssprecher Wladimir Konstantinow hingegen scheint die prorussische Bewegung für seine eigenen Zwecke zu unterstützen.

Der Tatarenführer Refat Chubarow sagte, auf der Krim hätten mehrere Wachposten ihre ukrainischen Staatssymbole entfernt. Er rief seine Anhänger zur Ruhe auf und setze Vermittler ein. Das Wichtigste sei, Provokationen zu vermeiden, sagte er. Chubarow sprach aber auch von einer dritten Partei, die bei den aktuellen Ereignissen ihre Finger im Spiel habe – ohne Russland direkt zu erwähnen. "Diese Keule ist gegen Kiew gerichtet, Erpressung. Aber es ist keine Keule aus der Krim, sie kommt aus dem Ausland."   

Die Hauptforderung der Tataren ist, dass keine der drei ethnischen Gruppen der Krim – Russen, Ukrainer und Tataren – vom politischen Prozess ausgeschlossen bleibt. Chubarow selbst steht in ständigem Kontakt zu Vertretern der mitgliederstärksten russischen Partei Einiges Russland, die offiziell die territoriale Integrität der Ukraine respektiert.   

In Sewastopol ist die Stimmung radikaler

Es scheint, als käme der größte Impuls für eine Abspaltung aus der Hafenstadt Sewastopol, wo die russische Schwarzmeerflotte stationiert ist. Dort ist die Stimmung wesentlich radikaler und prorussisch. Anscheinend waren die Männer, die das Parlament gestürmt hatten, in Sewastopol stationierte Mitglieder der mittlerweile aufgelösten Bereitschaftspolizei Berkut

Die prorussischen Demonstranten, die sich am Nachmittag vor dem Parlament versammelt hatten, zeigten sich besorgt über die Entscheidung aus Kiew, Russisch als zweite Amtssprache zurückzunehmen. Ihre größte Sorge sei, dass ihre Sprache von "Faschisten" aus dem Westen der Ukraine unterdrückt werde. Lediglich jeder vierte Bewohner der Krim spricht überhaupt ukrainisch, nur jeder zehnte als Muttersprache. Russisch war 2012 in 13 der 27 ukrainischen Regionen als Amtssprache anerkannt worden.

"Wenn Krieg das Mittel ist, um zu Russland zu gehören, bleibe ich gerne in der Ukraine", sagt der prorussische Demonstrant Sasha, ein 29-jähriger Computerprogrammierer. Auf die Barrikaden würde er nur gehen, wenn er selbst attackiert würde.

Der Oblast Krim war 1954 von der Sowjetunion als bis dahin russischer Verwaltungsbezirk der ukrainischen Teilrepublik zugeschlagen worden. Mit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 blieb die Region im Staatsgebiet. Die Tataren wurden in der Sowjetunion unter dem damaligen Machthaber Josef Stalin politisch verfolgt und durften erst 1988 in ihre Heimat zurückkehren.