Proteste gegen die ukrainische Regierung in Kiew © Bülent Kilic/AFP/Getty Images

Was in der Ukraine passiert, wird in Russland anders interpretiert als im Westen. Die Protestierenden in Kiew werden unterschiedlich beurteilt und ihre politischen Motive grundverschieden beschrieben. Sehen westliche Beobachter die Demonstrationen meist als Ausdruck legitimer gesellschaftlicher Auflehnung gegen ein autoritäres Regime, stellen die russische Führung und ihr nahe stehende Medien die Demonstranten als Terroristen, Rechtsextremisten oder gar Faschisten dar. Die Rhetorik folgt jener des russischen Außenministers Sergej Lawrow, der die westliche Unterstützung für den Euromaidan kürzlich so kritisierte: "Was hat das Anstiften zu zunehmend gewalttätigen Straßenprotesten mit dem Werben für Demokratie zu tun? Warum hören wir nichts von Verurteilungen jener, die Regierungsgebäude erstürmen und besetzt halten, Feuer legen, Polizisten in Brand setzen, rassistische, antisemitische und Naziparolen benutzen?"

Alle politischen Massenbewegungen in der Ukraine der vergangenen 25 Jahre waren von mehr oder minder weitgehenden Kompromittierungskampagnen betroffen und wurden beschuldigt, sie stünden im Zusammenhang mit der extremen Rechten. Im Augenblick jedoch kann man die bislang umfassendste Verleumdung der ukrainischen Zivilgesellschaft und Demokratiebewegung beobachten.

Bemerkenswerterweise gibt es dazu auch eine ganze Reihe im Westen erscheinender Texte, die die Verleumdung des Euromaidans durch den Kreml replizieren und die Kiewer Demonstranten ebenfalls als von ethnozentrischen Ultranationalisten dominiert oder angeleitet darstellen. Unter den in Westeuropa oder Nordamerika tätigen Kommentatoren, die dabei auffallen, ist eine ganze Reihe von Autoren, die auf diese oder jene Art mit Moskau verbunden ist. Einige Beispiele für solche verleumderischen "Analysen" des Euromaidans aus den vergangenen zwei Monaten, veröffentlicht von scheinbar qualifizierten Beobachtern, die direkt oder indirekt in internationale PR-Aktivitäten des Kremls involviert sind:

Derartige Berichte werden teils von Instituten mit eindrucksvollen Namen veröffentlicht, etwa vom Centre for Research on Globalization (Zentrum für Globalisierungsforschung), das den erwähnten Artikel Eric Draiters über die Ukraine nochmals publizierte. Die russische nationalkonservative Historikerin Natalija Narotschnizkaja leitet seit 2008 die Pariser Filiale des sogenannten Institute for Democracy and Cooperation (Institut für Demokratie und Zusammenarbeit), gemeinsam mit dem britischen Euroskeptiker und Journalisten John Laughland als Studiendirektor.

Zwei der oben genannten Autoren sind mit dem US-amerikanischen, von Daniel McAdams geleiteten Ron Paul Institute for Peace and Prosperity (Ron-Paul-Institut für Frieden und Wohlstand) verbunden: Mark Almond und Laughland. Die Website des Instituts strotzt vor alarmistischen Artikeln über Verbindungen zwischen dem Kiewer Euromaidan und der ukrainischen extremen Rechten. Besonders markant sind die Tiraden von Almond, der sich fälschlicherweise als Professor für Geschichte an der Universität Oxford vorstellt.

Das erwähnte kanadische Centre for Research on Globalization wird geleitet von Michel Chossudovsky. Mitarbeiter sind Neil Clark, Mahdi D. Nazemroaya und F. William Engdahl. Alle drei gehören dem wissenschaftlichen Beirat der italienischen Zeitschrift Geopolitica an, wie auch Laughland und Narotschnizkaja. Herausgeber der Geopolitica ist Tiberio Graziani, ein leidenschaftlicher Eurasier und Mitglied des Obersten Rates der Moskauer sogenannten Internationalen Eurasischen Bewegung, die von dem russischen Faschisten Alexander Dugin gegründet wurde und angeführt wird. Dugin rief etwa 2008 zur Okkupation Georgiens durch Russland auf und reiste mit seinen Anhängern von der Eurasischen Jugendunion kurz vor dem Georgien-Krieg nach Südossetien.