Matthias Naß ist Internationaler Korrespondent der ZEIT. Von 1998 bis 2010 war er ihr stellvertretender Chefredakteur. © Nicole Sturz

Am Freitag kommt Chinas Staatspräsident Xi Jinping nach Berlin. Es sollte, so hatte sich die Regierung in Peking das gedacht, alles so schön werden. Man wollte die Europäer als strategische Partner umarmen, besonders die Deutschen, die aus chinesischer Sicht inzwischen die europäische Führungsnation sind.

Schließlich ist es in der Außenpolitik immer gut, eine Alternative zu haben – zum Beispiel zum übermächtigen Amerika, dem China in konfliktträchtiger pazifischer Rivalität verbunden ist. Die Europäer machen viel weniger Ärger.

Doch dann griff Putin nach der Krim. Und seither überlagert die Ukraine jedes andere Thema. Die Bundesregierung erwartet, dass Peking Position bezieht. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat sich China bei der Abstimmung über das Krim-Referendum der Stimme enthalten. Das fand man in der Bundesregierung schon mal ganz gut, brachte es doch die Sorge Chinas vor Putins Übergriffigkeit zum Ausdruck. "Viel mehr erwarten wir von China nicht", ist in Berlin zu hören.

Oder doch? China, so heißt es, habe gute Drähte in den Kreml. Über diese solle es in Moskau auf Mäßigung dringen: "Die Chinesen sollen ihre Kanäle benutzen."

Überhaupt fordert der Westen, fordert auch Berlin seit Längerem, China solle in der internationalen Politik mehr Verantwortung übernehmen. Also sieht man in Berlin mit Spannung der Rede Xi Jinpings am Freitagnachmittag bei der Körber-Stiftung entgegen. Der Staatspräsident wird darin über die chinesische Außenpolitik und – sein ganz persönliches Thema – den "chinesischen Traum" sprechen.

Der schwierigste Part aber könnte für den Gast der Besuch beim Bundespräsidenten werden. Joachim Gauck ist das Thema Menschenrechte ein Herzensanliegen. Er hat in seiner Amtszeit bereits den UN-Menschenrechtsrat in Genf besucht, die Parlamentarische Versammlung des Europarats in Straßburg und den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Die Menschenrechte sind ihm wichtig, und man kann davon ausgehen, dass er sie gegenüber Xi Jinping nicht verschweigen wird, weder bei den vertraulichen Gesprächen noch in seiner Tischrede beim festlichen Mittagessen in Schloss Bellevue.

Gauck hat sich auf den Besuch gründlich vorbereitet, hat sich im Vorfeld mit Experten getroffen. Und die dürften ihn daran erinnert haben, dass der Regimekritiker und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo noch immer im Gefängnis sitzt; dass Chinas bekanntester Künstler Ai Weiwei nicht zur Eröffnung seiner Ausstellung anreisen darf, die am 3. April im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnet wird.

Die Pressefreiheit als Fundament einer demokratischen Öffentlichkeit, Bürgerbeteiligung als Korrektiv gegen Machtmissbrauch, Aufbau eines funktionierenden Justizsystems als Voraussetzung von Rechtsstaatlichkeit: All dies sind Themen, von denen man sich vorstellen kann, dass Joachim Gauck sie im Gespräch mit dem Staatsgast anspricht.

Vielleicht wird er sogar erwähnen, dass der Dalai Lama, der in diesem Jahr gleich zweimal nach Deutschland kommt, hierzulande hohe Wertschätzung genießt.

Manches wird der Gast aus Peking nicht gern hören. Das sollte Joachim Gauck aber nicht beirren. Der wahre chinesische Traum ist immer auch der Traum von der Freiheit. Und der wird nicht nur in Peking geträumt. Auch in Kiew. Auch in Moskau.