Es waren düstere Tage unterm Eiffelturm – bei schönstem Sonnenschein. Verschämt verkroch sich die Stadt der Liebe unter der Smog-Decke. Man hustete. Wer aber war der Schuldige? Frankreichs mit billigem Treibstoff subventionierte Dieselautos, sagten die Grünen in Regierung und Stadtrat. Doch die Franzosen nehmen ihre Grünen immer noch nicht ernst. Also trumpfte die Gegenseite auf: Man müsse "mit voller Wucht die Folgen des deutschen Atomausstiegs hinnehmen", schrieb der rechtslastige Figaro.

Denn der Pariser Feinstaub, so wetterte der Generalsekretär des Autofahrerverbandes, Pierre Chasseray, unwidersprochen auf allen Fernsehkanälen, stamme "mehrheitlich aus deutschen Kohlekraftwerken". Gegenüber ZEIT ONLINE fügte Chasseray später etwas kleinlauter hinzu: "Auch aus polnischen und skandinavischen Kraftwerken!" Auf eine wissenschaftliche Quelle konnte er sich nicht berufen. Aber das hatte ja auch niemand von ihm verlangt.  

Beim Pariser Institut für nachhaltige Entwicklung (IDDRI) reagierte der deutsche Energieexperte Andreas Rüdinger entsetzt: Unter dem Druck der Atomlobby hätten die französischen Medien eine "Verschwörungstheorie" gegen die Deutschen entwickelt. Rüdinger erinnerte an die Atomkatastrophe von Tschernobyl: Paris behauptete damals, die russische Atomwolke habe das französische Territorium nie erreicht. Heute wird nun umgekehrt argumentiert: Die deutsche Kohlewolke sei an allem schuld. "Der Atomausstieg hat in Frankreich keine gute Presse", sagte Rüdinger. 

Nachbarn als Sündenböcke

Ähnliche Sorgen machte sich die französische Umweltingenieurin Charlotte Songeur von der unabhängigen Luftkontrollstelle Airparif in Paris. Laut Songeur könnte bisher niemand genau wissen, wie sich der Feinstaub während des Smog-Alarms der letzten Tage zusammengesetzt habe. Aber schon jetzt seien die Medien "in die Falle getappt, die europäischen Nachbarn als Sündenbock zu stempeln", sagte Songeur.

Airparif hatte im August 2012 eine Studie veröffentlicht, derzufolge 68 Prozent des gesundheitsschädlichen Feinstaubs über Paris aus den umliegenden Gebieten Frankreichs und des Auslands stammen. Manchem Kritiker dient diese Studie heute als Beleg dafür, dass die Deutschen für den Smog verantwortlich sind.  

Nur marginaler Smog-Beitrag

Doch Songeur weist solche Rückschlüsse zurück. "Die Gründe sind sehr viel komplizierter", sagte sie. Genauso sieht das auch das deutsche Umweltbundesamt: Zwar hätten deutsche Kraftwerke wohlmöglich zum Pariser Smog beigetragen, aber nur in marginaler Art und Weise, sagten Sprecher des Amts gegenüber der französischen Presse.

Was aber kam von all dem bei den Franzosen an? "Selbst wenn euer Smog hier bei uns ankommt, sollten wir angesichts der französischen Atomkraftwerke an deutschen Grenzen lieber schweigen", riet ein Pariser Polizist, der am Montag den Pariser Autofahrern mit gerader Zahl auf dem Nummernschild Strafgebühren von 22 Euro abknöpfte – wegen des Smogs durften die geraden Nummern nicht auf die Straße.