Der junge Mann sieht nicht wie ein Rechtsradikaler aus, er trägt Bart und hat einen intelligenten, nachdenklichen Blick. In seiner Heimatstadt Donezk, im russischsprachigen Osten der Ukraine, macht er seine politischen Ansichten noch nicht publik. Als örtlicher Organisator des ukrainisch-nationalistischen Rechten Sektors ("Prawy Sektor") benutzt er den Decknamen "Kwit". "Vor der Revolution verstand ich meine politischen Ausrichtung nie als rechts außen, sondern als liberal", sagt Kwit. "Jetzt nenne ich mich Patriot."

Der Prawy Sektor, der während der Antiregierungsproteste auf dem Maidan in Kiew entstand, positioniert sich heute als Garant der Revolution nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch. Am Donnerstagabend drohten 1.000 Demonstranten das Parlament in Kiew zu stürmen, wenn Innenminister Arsen Awakow nicht zurücktritt. Der Prawy Sektor macht ihn für den Tod von Alexander Musytschko verantwortlich, einem Anführer der Gruppe, der in einer Schießerei mit der Polizei im westukrainischen Riwne in der Nacht zum Dienstag erschossen wurde.

Die paramilitärische Randgruppe spielt eine immer entscheidendere Rolle im chaotischen politischen Leben der Ukraine. Im Westen des Landes werden die Kämpfer als Helden gefeiert; in der Ostukraine und Russland gilt der Prawy Sektor als Beweis dafür, dass der Machtwechsel in Kiew nichts Weiteres als ein faschistischer Putsch war. Die Übergangsregierung in Kiew versucht seit Wochen, die ehemaligen Straßenkämpfer zu entwaffnen. Interimspräsident Alexander Turtschinow sagte, der Prawy Sektor spiele jetzt dem russischen "Aggressor" nur in die Hände.

"Wir werden den Russen keinen Grund geben einzugreifen", sagt Kwit. "Viele versuchen jetzt, im Namen des Prawy Sektors zu agieren. Wir werden uns auf dem rechtlichen Spielfeld bewegen." Am vergangenen Wochenende wandelte sich die Gruppe in eine Partei um, um ihren Anführer Dmitro Jarosch als Präsidentschaftskandidat in die Wahl am 25. Mai zu schicken. Ein vollständiges politisches Programm gibt es noch nicht: Bekannt sind die Überbetonung der Nation, ein Waffenrecht wie in der Schweiz und der blockfreie Status für die Ukraine.

"Komplette Lüge, dass wir Extremisten sind"

Sergej Taruta, der Anfang März von der Kiewer Regierung zum Gouverneur von Donezk ernannt wurde, kann den Namen Prawy Sektor nicht mehr hören. "Es gibt viele Mythen, um Ängste in östlichen und südlichen Regionen zu schüren", sagt Taruta. "Eine echte Gefahr gibt es aber nicht. Unsere Probleme hier sind eher wirtschaftlicher Natur." Die Angst ist aber nicht immer rational zu begründen. Die angebliche Bedrohung durch den Prawy Sektor wurde auch auf der Krim als Vorwand für die russische Intervention gebraucht. Mit ihren Uniformen, Masken und schwarz-roten Fahnen machen die Kämpfer einen unheimlichen Eindruck.

Kwit ist wortgewandt und nüchtern. Er trinkt alkoholfreies Bier, da er Auto fahren muss – und der Prawy Sektor ein striktes Trinkverbot während der Arbeitszeit hat. In Interviews spricht Parteiführer Jarosch Ukrainisch, obwohl er aus der Ostukraine stammt. Kwit hat aber keine Probleme damit, sich auf seiner Muttersprache Russisch zu unterhalten. "Es ist eine komplette Lüge, dass wir Extremisten sind," sagt Kwit, der sich zu einem Gespräch in einer populären Mikrobrauerei im Stadtzentrum von Donezk bereit erklärt. "Wir haben auch jüdische, tatarische, muslimische Anhänger. In der Ukraine wird Vaterlandsliebe oft mit Faschismus verwechselt."