Kürzlich ließ ein Athener Politikinstitut ermitteln, von welchen Ländern sich die Menschen in Griechenland bedroht fühlen. Die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage von ELIAMEP waren überraschend: Auch wenn – wie üblich in solchen Umfragen – der größte Teil der Befragten antwortete, dass die Türkei eine Bedrohung darstelle, so lautete die Antwort von fast einem Viertel: Deutschland bedrohe ihr Land.

Zwar ist nicht zu erwarten, dass es zum Staatsbesuch von Bundespräsident Joachim Gauck in Griechenland dieser Tage wieder zu antideutschen Demonstrationen in Athen kommt. Klar ist aber: Seit Ausbruch der Schuldenkrise hat nicht nur in Griechenland die Skepsis gegenüber der Politik Deutschlands, aber auch der EU insgesamt stark zugenommen. Laut Eurobarometer fiel das Vertrauen in die EU zwischen 2007 und 2012 am stärksten in Griechenland. Auch in den anderen EU-Mitgliedstaaten lässt sich eine wachsende Europa-Skepsis beobachten – und das nur weniger Monate vor der Europawahl.

Die Gründe für diesen Meinungswandel auszumachen, ist nicht schwer: Die Erinnerung an die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs, die Sparprogramme, das Zögern Deutschlands, sich für ein Vorgehen gegen die Krise zu entscheiden, der einfache Populismus vieler griechischer Medien und die Haltung deutscher Zeitungen sind einige der Gründe. Dennoch verbirgt sich eine tiefere Ursache hinter dem Misstrauen der Griechen gegenüber der EU und ihrer antideutschen Haltung, etwas, das möglicherweise von anderen Europäern geteilt wird. 

Retter und Oberlehrer zugleich

Von Beginn der Krise an, als deutlich wurde, dass Griechenland seine Kredite nicht bedienen konnte, und die Euro-Zone am Abgrund stand, konnte oder wollte Deutschland nicht die Führungsrolle einnehmen, die dem Land aufgrund seines  ökonomischen Gewichts zukommt. Stattdessen nahm Berlin eine zwiespältige Position ein: Um die eigenen Interessen zu schützen und dazu beizutragen, Griechenland vor dem Bankrott zu retten, schwankte Deutschland einerseits zwischen der Rolle des Retters in der Not und andererseits des übellaunigen Oberlehrers.

Einerseits initiierte die Regierung in Berlin die materielle Unterstützung, ohne die Griechenland inzwischen zur Drachme zurückgekehrt wäre, andererseits gab sie ethische Lektionen in fiskalischer Enthaltsamkeit für die Länder der europäischen Peripherie.

Heute allerdings, mit den Europawahlen vor der Tür, reichen diese beiden Rollenmuster nicht mehr aus. Deutschland muss einen Plan für Europa entwickeln, um das Misstrauen gegen Deutschland und die Euro-Skepsis zu dämpfen. Diese Vorstellung muss aber über die Europa-2020-Strategie hinausgehen, die im Übrigen vor Ende 2010 entwickelt wurde, also bevor die Krise ausbrach. Sie muss auch über die Stabilitäts- und Kontrollmechanismen hinausgehen, die in den vergangenen beiden Jahren in der Euro-Zone entwickelt wurden, um ähnlichen Krisen in der Zukunft vorzubeugen.

"Mehr Europa" inspiriert nicht

Deutschland hat seinen eigenen Wohlstand mit der Fortsetzung der europäischen Integration verknüpft, es bedarf mithin von deutscher Seite aus einer Erläuterung und Ausformulierung der Phrase "Mehr Europa", die immer dann zu vernehmen ist, wenn gefragt wird, wohin Europa geht. Die Antwort, dass die europäische Integration Schritt für Schritt auf der Grundlage von Vereinbarungen zwischen den Regierungen der mächtigen Mitgliedstaaten voranschreiten wird, reicht nicht mehr aus und inspiriert auch nicht.

Die Zeit aber ist kurz und kostbar, denn es geht auch darum, den Einfluss der antieuropäischen Kräfte im Europäischen Parlament einzuschränken, deren Ergebnis von den Optimisten aktuell auf ein Drittel der Sitze geschätzt wird. Deutschland und die Institutionen der EU müssen auf eine fundamentale Frage eine Antwort finden: Akzeptieren sie weiterhin den europäischen Entwicklungspfad, der Wirtschaftswachstum mit sozialem Schutz verbindet, sprich die Balance zwischen Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftlicher Kohäsion? Oder haben sie diesen Weg verlassen, zugunsten eines Zerrbilds des amerikanischen oder asiatischen Kapitalismus?

Sollte nämlich das Zweite zutreffen, dann wird der weltweit beispielhafte Versuch der europäischen Integration sehr schnell aus dem Verantwortungsbereich der politischen und wirtschaftlichen Analysten in den Bereich der Historiker wandern.