Der estnische Außenminister Urmas Paet legt in Kiew am 25. Februar einen Kranz nieder. © Konstantin Chernichkin/Reuters

Was ist Ende Februar auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew wirklich passiert? Ein abgehörtes Telefonat zwischen der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton und dem estnischen Außenminister Urmas Paet wirft neue Fragen auf: Am 26. Februar sprechen die beiden über die ukrainische Ärztin Olga Bogomolets. Sie hat Menschen untersucht, die Opfer von Schüssen geworden waren. Laut Paet habe sie gesagt, die Verletzungen der Opfer beider Seiten trügen dieselbe Handschrift.   

Bogomolets habe berichtet, Anhänger Janukowitschs und Anhänger der Opposition seien mit denselben Kugeln getötet worden, sagte Paets in dem im Internet veröffentlichten Telefonat. Die neue Regierung wolle die Vorfälle nicht untersuchen lassen – das sei verstörend und nähre den Verdacht, dass die Scharfschützen nicht von Janukowitsch beauftragt worden seien, sondern von Mitgliedern der neuen Regierung.   

Das estnische Außenministerium bestätigte die Echtheit des Telefonats. Der estnische Außenminister war von einem Besuch in der Ukraine zurückgekehrt und berichtete Ashton von seinen Eindrücken und äußerte seine Besorgnis über die Situation in der Ukraine. Er habe jedoch keine Einschätzung darüber abgegeben, dass die Opposition in die Gewalt vom 20. Februar verwickelt gewesen sein soll.  

Paet dementiert Einschätzung über Kiewer Regierung

Die Ärztin Bogomolets dementierte inzwischen, dass sie gesagt hat, Polizisten und Demonstranten seien mit den gleichen Kugeln getötet worden. "Ich selbst habe nur Demonstranten untersucht, die Wunden der Militärs kenne ich nicht", sagte sie dem britischen Telegraph. Sie habe aber um eine ausführliche forensische Untersuchung der Vorfälle gebeten. Sie hoffe, internationale Experten könnten herausfinden, wer wen mit welchen Waffen getötet habe. Sie sagte, sie könne die Einschätzung von Paet, dass die neue Kiewer Regierung hinter den Anschlägen stecke, nicht teilen. Paet sagt wiederum, er habe diese Einschätzung nie abgegeben.

"Es ist äußerst bedauerlich, dass Telefonate abgehört werden", sagte Paet in Tallinn. Die Veröffentlichung des Anrufs sei "kein Zufall". Daniel Sandford, Journalist für die BBC in Moskau, schrieb auf Twitter, er könne nicht garantieren, dass alle Demonstranten von Polizisten getötet worden seien, aber  sehr viele.

Am Morgen des 20. Februar waren Scharfschützen auf dem Maidan aufgetaucht und hatten viele Menschen erschossen. Bei den Zusammenstößen in der Hauptstadt Kiew starben im Februar fast 100 Menschen. Die Opposition hatte den Machtapparat des damaligen Staatschefs Janukowitsch beschuldigt, die Schüsse auf Demonstranten angeordnet zu haben.