Mit der russischen Besetzung der Krim ist Europa in eine Realität zurückgerutscht, die es längst überwunden glaubte: die Welt der ultimativen Drohungen und der Krieg-in-Sicht-Krisen. Sollte an diesem Wochenende die Mehrheit der Krimbewohner für den Anschluss stimmen und Russland die Halbinsel aufnehmen, würde Europa die erste Annexion seit dem Zweiten Weltkrieg erleben.

In den westlichen Nachbarländern Russlands herrscht seither Panikstimmung. Moskau veranstaltete große Manöver an den Westgrenzen. Die USA verlegen F-16-Kampfflugzeuge nach Polen. Die EU und Amerika verhängen erste Sanktionen und kündigen Schlimmeres an. Russland droht mit der Beschlagnahme von Wirtschaftsgütern in Russland. Erkennen wir uns noch wieder?

Europa hat 25 richtig gute Jahre hinter sich. Eine Epoche des Friedens, in der ein Geschäftsmann mehr zählte als ein Soldat, der Diplomat gefragter war als der Militärstratege. In diesem Vierteljahrhundert blühten viele Länder Europas auf, wurde ein Teil des alten Warschauer Paktes westlich, wuchs die Nato. Das alles hat vergleichsweise wenig gekostet. Im Gegenteil: Viele Europäer haben gespart (an Rüstungsausgaben), andere kräftig verdient (mit Handel), die Deutschen beides. Diese Friedensdividende ist aufgebraucht. 

Man redete und verstand sich nicht

Die letzten Wochen waren traumatisch für europäische Spitzenpolitiker, vor allem auch für Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Stunden um Stunden sprachen sie mit Putin, fast täglich trafen europäische Außenminister in Paris, Madrid oder Rom ihren russischen Kollegen Sergej Lawrow. Man redete und verstand sich nicht. Alle benutzen die gleichen Smartphones, aber die europäische Art der Kommunikation funktioniert mit Moskau irgendwie nicht mehr.

Was passt nicht zusammen? In Krisen aller Art versuchen die Europäer stets, Spannungen durch ausführliches Reden abzubauen. Wladimir Putin und die russische Duma aber setzen auf die Eskalation täglich noch einen drauf. Die Europäer haben für den Ernstfall bewährte Formate: Arbeitskreise, Kontaktgruppen und natürlich die OSZE, in der auch Russland Mitglied ist. Doch die OSZE-Delegation auf der Krim wurde mit Duldung Moskaus ausgesperrt, beschimpft, verjagt. 

Als Lebensversicherung gegen Krisen gelten Europäern und Deutschen zumal Handel und gegenseitige Verflechtung. Umso größer ist der Schock, dass diese Lebensversicherung die russischen Risiken nicht abdeckt. Der Kreml will sich einfach nicht verflechten. Die Moskauer Börse bricht ein, die Investoren laufen davon – doch die Kreml-Führung bleibt ungerührt, wirtschaftliche Verluste schrecken sie nicht.

Es ging gar nicht um die Krim

Viele im Westen hoffen, Moskau werde bald einlenken. Sie denken, nach der Krim-Besetzung kehrt wie nach dem Georgienkrieg 2008 irgendwann wieder business as usual ein. Aber der Kreml und die Duma wollen dieses business nicht mehr. Sie haben in der Krim-Krise mit kolossalem Militärgetöse ein Ziel erreicht, das sie auch mit viel weniger Anstrengung und Ansehensverlust hätten haben können: die Kontrolle der Halbinsel. Doch ging es ihnen gar nicht um die Krim, sondern darum, demonstrativ Widerstand gegen den Westen zu leisten. "Genug!", lautet die Botschaft.