In der Nacht tagten die Außenminister der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands und weiterer Länder in Paris – ergebnislos. Heute starten die EU-Staats- und Regierungschefs einen weiteren Versuch, Lösungen für die Krise in der Ukraine, insbesondere auf der Halbinsel Krim, zu finden. Thema sind unter anderem mögliche Sanktionen gegen Russland, das wegen seiner verstärkten militärischen Präsenz auf der Krim international kritisiert wird. Aus Sicht von Beobachtern geht es aber auch um Geld für das hoch verschuldete Land. 

Die Gespräche dürfte auch die von der Ukraine angestrebte Mitgliedschaft in der Nato Thema bestimmen: Denn das Parlament in Kiew debattiert derzeit einen entsprechenden Gesetzentwurf. Und das unter dem abgesetzten Präsidenten Viktor Janukowitsch gestoppte Assoziierungsabkommen rückt wieder auf die Agenda: Die Ukraine könnte es bald unterschreiben. Denn die neue Regierung in Kiew richtet derzeit die Außenpolitik des Landes neu aus. Der ukrainische Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk wird auf dem Gipfeltreffen in Brüssel als Gast erwartet.

Die Nato war am Mittwoch auf Distanz zu Russland gegangen. Der Rat des Bündnisses hatte beschlossen,  die Beziehungen zur Ukraine zu intensivieren, wie Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen mitteilte. Die Nato hat Rasmussen zufolge den geplanten ersten gemeinsamen Militäreinsatz mit Russland abgesagt: die Beteiligung Russlands an der Eskorte des US-Schiffes Cape Ray, auf dem syrische Chemiewaffen vernichtet werden. Russland äußerte sich enttäuscht über die Ergebnisse des Treffens.

Die drohenden EU-Sanktionen könnte Russland durchaus abwenden: Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte vor dem Treffen, Russland müsse "glaubwürdig unter Beweis" stellen, dass es an einer Normalisierung in der Ukraine interessiert sei. Andernfalls werde es "unausweichlich sein, dass in den nächsten Tagen auch über Sanktionen entschieden wird".

Zuvor hatte die EU-Kommission der vom Staatsbankrott bedrohten Ukraine bereits Finanzhilfe in Höhe von elf Milliarden Euro zugesagt. Am Donnerstag veröffentlichte die EU zudem eine Liste mit 18 Vertretern der früheren ukrainischen Führungsriege, deren Konten und Vermögen die EU sperrt. Die Strafmaßnahmen richten sich auch gegen den gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, seine Söhne sowie mehrere Ex-Minister. Ihnen wird vorgeworfen, ukrainische Staatsgelder ins Ausland geschafft zu haben.

Aber auch auf UN-Ebene setzt sich die Suche nach Lösungen fort. Ab 14.30 Uhr Ortszeit (20.30 Uhr MEZ) tagen in New York Vertreter der 15 Mitgliedstaaten des UN-Sicherheitsrats unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie aus Diplomatenkreisen verlautete. Das Gremium war seit Freitag bereits drei Mal zu Beratungen über die Krise in der Ukraine zusammengekommen. 

Zudem will das US-Repräsentantenhaus über Hilfskredite für die neue Regierung in Kiew beraten, wie der republikanische Mehrheitsführer Eric Cantor ankündigte. Die USA hatten bereits eine Milliarde Dollar (etwa 725 Millionen Euro) Kredit in Aussicht gestellt. Beide Kammern des Parlamentes müssen darüber abstimmen. Unklar ist aber, ob der Senat das noch vor einer mehrwöchigen Sitzungspause tun kann.

Die Außenminister der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands und weiterer Länder hatten am Mittwoch in Paris über Stunden vergeblich versucht, den russischen Außenminister Sergej Lawrow an einen Tisch mit dem ukrainischen Interims-Außenminister Andrej Deschtschyzja zu bringen. Am Rande des Ministertreffens sagte Deutschlands Außenminister Steinmeier, alle Beteiligten hätten vereinbart, in den nächsten Tagen "Schritte der Deeskalation" zu unternehmen. Das Ziel, eine Kontaktgruppe für die Ukraine zu gründen, habe man aber nicht erreicht.

In Paris trafen sich Lawrow und sein US-Kollege John Kerry erstmals seit Beginn der Krim-Krise. Konkretes kam offenbar nicht heraus: Bevor er das Außenministerium verließ, sagte Lawrow, man sei "übereingekommen, diese Diskussionen in den nächsten Tagen fortzusetzen, um zu sehen, wie wir am besten helfen können, die Situation zu stabilisieren und die Krise zu überwinden". Kerry sagte seinerseits, ein Prozess sei begonnen, "von dem wir hoffen, dass er letztendlich zu einer Deeskalation führt". Die beiden Außenminister wollen sich heute am Rande einer Libyen-Konferenz in Rom erneut zusammensetzen.

Auf der Krim blieb die Lage weiter angespannt. Bewaffnete hatten den UN-Sondergesandten Robert Serry bedroht. Er brach daraufhin seine Vermittlungsmission auf der Halbinsel ab.

Die ukrainische Justiz ordnete an, den prorussischen Krim-Regierungschef Sergej Axjonow und den Präsidenten des Regionalparlaments, Wolodimir Konstantinow, festzunehmen. Ihnen werden Bestrebungen zur Abspaltung der Krim vorgeworfen.

Im ostukrainischen Donezk wurden bei Zusammenstößen zwischen prorussischen Demonstranten und Anhängern der neuen Führung in Kiew etwa zehn Menschen verletzt. Prorussischen Aktivisten übernahmen dort wieder die Kontrolle über den Sitz der Regionalregierung, aus dem sie kurzzeitig vertrieben worden waren.