Palästinensische Kinder im Flüchtlingslager Ain al-Helweh © Ali Hashisho/Reuters

Der Libanon ist das einzige Land, das seine Grenzen für syrische Flüchtlinge offen hält. Bis Ende 2014 werden einer UN-Prognose zufolge mehr als 1,5 Millionen Syrer dort leben – zusätzlich zu nur 4,5 Millionen Einwohnern. ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm lebt seit einem Jahr in der Hauptstadt Beirut. In den kommenden Monaten berichtet sie über den Alltag im Flüchtlingsland, über das Leben der Geflohenen, aber auch darüber, wie der Zuzug das Leben der Libanesen verändert. 

Wenn Hunderttausende binnen kurzer Zeit über die Grenze fliehen müssen, lässt die Regierung des Aufnahmelandes Camps bauen, um die Menschen unterzubringen.

Normalerweise.

Im Libanon gibt es inzwischen über eine Million syrische Flüchtlinge, doch keine offiziellen Unterkünfte. Die Grenzen bleiben offen, aber wenn der UNHCR immer wieder vorschlägt, Aufnahmelager zu errichten, sträubt sich Libanons Regierung jedes Mal mit Händen und Füßen.

Dabei existieren hier riesige Flüchtlingscamps – seit über 60 Jahren. Und genau darin liegt das Problem. Sie sind zu kleinen Staaten im Staat geworden. Genauer gesagt: zu kleinen extraterritorialen Krisengebieten.

Von Beirut nach Saida im Süden des Landes sind es rund 40 Kilometer. Saida ist ein beliebtes Ausflugsziel für einen Nachmittag am Strand. Von den Cafés unter Palmen sind es wiederum nur ein paar Hundert Meter stadteinwärts bis zu einer Mauer mit Stacheldraht. Soldaten der libanesischen Armee kontrollieren Pass und Passierschein, dann steht man auch schon vor einem großen Plakat mit dem Gesicht Jassir Arafats, flankiert von zwei Männern mit Kalaschnikows.

Willkommen in Ain al-Hilweh, Wohnort – genauer gesagt: Sackgasse – für rund 70.000 Palästinenser, die meisten Vertriebene der zweiten oder dritten Generation und hier geboren. Und neue Notunterkunft für mehrere Zehntausend palästinensische Flüchtlinge aus Syrien. Viele von ihnen sind aus dem berüchtigten Jarmouk bei Damaskus entkommen, dessen Einwohner seit Monaten von der syrischen Armee ausgehungert werden.

Palästinenser halten den traurigen Weltrekord im Fliehen. In Ain al-Hilweh trifft man alte Männer und Frauen, die 1948 die Nakba miterlebt hatten, die Vertreibung von mehreren Hunderttausend Palästinensern durch die Armee des neu gegründeten Staates Israel. Manche landeten gleich im benachbarten Libanon, andere in Jordanien, was 1970/71 zu einem Bürgerkrieg zwischen Arafats PLO und dem jordanischen Militär führte, worauf Tausende Palästinenser weiter in den Irak zogen, von wo sie vor Saddam Husseins Kriegen nach Syrien flohen, bis dort der Bürgerkrieg ausbrach und sie sich in den Libanon durchschlugen.

Dort will sie eigentlich keiner haben. Libanons Gesellschaft erweist sich immer noch als erstaunlich hilfs- und opferbereit, wenn es um die Aufnahme von Sunniten, Armeniern und anderen Christen aus Syrien geht. Aber bei palästinensischen Flüchtlingen hört die Empathie auf. Nicht nur seitens der Libanesen. Auch seitens der alteingesessenen Palästinenser.

Ain al-Hilweh ist das größte von zwölf palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon – und wenn man Maher al-Schabaytah glauben darf, waren die Anfänge vergleichsweise idyllisch. "Es gab einstöckige Häuser mit Obstbäumen vor der Tür." Erst habe der libanesische Staat den Häuserbau noch verboten. Vor allem die damals mächtigen libanesischen Christen wollten keine festen palästinensischen Siedlungen. Dann gelang Jassir Arafat ein diplomatisch-militärischer Coup: 1969 rang der frisch gewählte PLO-Vorsitzende der libanesischen Regierung mit ägyptischer Hilfe das Zugeständnis ab, die Camps ab sofort seinem Kommando zu unterstellen – und damit in Stützpunkte des Kampfes gegen Israel zu verwandeln.

Dafür haben die Palästinenser bitter bezahlen müssen. 1982 marschierte die israelische Armee in den Süd-Libanon ein, bombardierte Saida und legte Ain al-Hilweh in Schutt und Asche. Mit Israel verbündete christliche Milizen verübten ein Massaker an palästinensischen Zivilisten  in Sabra und Schatila. Arafat ließen sie samt PLO-Hauptquartier nach Tunis evakuieren, die Camps im Libanon blieben.

Kaum eine Woche ohne Schießerei

Heute sind sie überfüllte, abgeriegelte Elendsviertel, in denen libanesische Polizei und Armee weiterhin keinen Zutritt haben, und sich verfeindete Gruppen ihre Scharmützel liefern: Fatah, Hamas, Nidal-Front, Volksfront zur Befreiung Palästinas, Palästinensische Befreiungsfront, Islamischer Dschihad, Palästinensische Arabische Front.

Die Auswüchse dieses Spaltpilzes klingen fast komisch, wenn sie für die Zivilbevölkerung nicht so tragisch wären: In Ain al-Hilweh vergeht kaum eine Woche ohne Schießerei. Die Zahl der arbeitslosen und radikalisierten Jugendlichen ist riesig. Das haben auch diverse Al-Kaida-Fraktionen gemerkt, die dort Mitglieder rekrutieren.

"Wir haben alles im Griff", sagt Al-Schabaytah. Er ist der Generalsekretär der Fatah im Camp, und sein Satz ist die geübte Notlüge eines Funktionärs. Neben ihm sitzen seine Leibwächter und starren gebannt auf den Fernseher: Livebilder vom Tatort eines Bombenanschlags in Beirut. Wenige Tage später wird sich herausstellen, dass der Selbstmordattentäter aus Ain al-Hilweh kam.

Al-Schabaytah weiß, dass er kaum noch etwas im Griff hat auf diesen zwei Quadratkilometern, auf denen schon lange kein Obstbaum mehr steht, sondern ein Labyrinth aus mehrstöckigen, hastig errichteten Häusern und handtuchbreiten Gassen, in denen nach jedem Regen das Wasser bis zu den Waden steht. Die Fatah hat weder die Kontrolle über Ain al-Hilweh noch ist sie in der Lage, die Neuankömmlinge aus Syrien zu versorgen.  

Zudem unterstehen palästinensische Flüchtlinge auch nicht dem UN-Flüchtlingshilfswerk, sondern der 1950 gegründeten United Nations Relief and Works Agency for Palestinians in the Near East. Die gilt nicht eben als Vorbild für Flexibilität und Effizienz. Und so werden viele der Neuankömmlinge in Ain al-Hilweh skrupellos von ihren Landsleuten ausgebeutet, die ihnen ein paar Quadratmeter ihrer ohnehin überfüllten Wohnungen für 300 oder 400 Dollar im Monat abtreten.

Ganz am Rand des Camps wohnen jene, die dafür kein Geld haben, in dürftigen Zelten. Zum Beispiel Familie Saher – Vater, Mutter, Großmutter, zwei kleine Kinder, dazu die beiden Söhne von Sahers Bruder, der in den Kriegswirren verschwunden ist.

Er habe im Krankenhaus von Jarmouk gelegen, erzählt der Vater, bleich im Gesicht und kaum 50 Kilogramm schwer, als die syrische Armee auf der Suche nach Oppositionellen die Zimmer durchkämmt und ihn noch mit der Infusionsnadel im Arm auf die Straße gejagt habe.

Seine Familie schleppte ihn mit über die Grenze in den Libanon. Jetzt hocken sie in der elendsten Ecke eines Elendsviertels, wechseln sich nachts ab, um die Ratten zu verscheuchen und verfolgen die Nachrichten aus Jarmouk. Dort haben die Bewohner seit Monaten erstmals wieder einige UN-Notrationen erhalten. Viele haben sich in den vergangenen Wochen von Gras ernährt, haben Katzen und Hunde geschlachtet, um an Fleisch zu kommen.

Vater Saher ist es fast peinlich, angesichts dessen von eigenen Problemen zu erzählen. Er brauche, sagt er, dringend 7.000 Dollar für eine Lungenoperation. Die UN wolle die Hälfte übernehmen, die Campverwaltung der Fatah noch einmal 1.500 Dollar drauflegen. Den Rest müsse er selbst auftreiben. Ein Fundraising-Wettlauf um das eigene Leben – und es sieht nicht so aus, als könnte er ihn gewinnen.

Die libanesische Regierung hat sich vor Kurzem bereit erklärt, für syrische Flüchtlinge erste Transitcamps unter Verwaltung des UNHCR zuzulassen. Und die schwedische Möbelfirma Ikea will demnächst im Libanon aufklappbare Notunterkünfte mit Solarenergie auf den Markt bringen.

Den palästinensischen Flüchtlingen wird das wenig nützen. Sie sitzen fest hinter den Mauern und dem Stacheldraht eines jahrzehntealten Konflikts.