Was haben Alice Schwarzer, Gregor Gysi (Die Linke) und Alexander Gauland (AfD) gemeinsam? Sie alle werben dafür, Russland zu verstehen. In der Debatte um die richtige europäische Antwort auf Russlands Einverleibung der Krim bildet sich in Deutschland eine seltsame Koalition heraus, die Russlands Verhalten eigentlich ganz richtig, zumindest aber nachvollziehbar findet. Was sind die Beweggründe, die erste Annexion in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg irgendwie in Ordnung zu finden?

Vorweg: Es gibt viele Deutsche, die sich um die neue Spaltung Europas große Sorgen machen; die das Ende der 25 guten Jahre bedauern, die der Kontinent hatte; die sich vor einer Sanktionsspirale zum Schaden aller fürchten; die Russland nicht einfach verstehen, sondern kennen und seine Kultur und Sprache lieben. Von ihnen ist nicht die Rede.

Es geht um jene, die willentlich an der Gefahr vorbei sehen, die wegen des russischen Vorgehens für ganz Europa heraufzieht. Vergangene Woche hat Gregor Gysi im Bundestag eine Rede gehalten, die dafür steht. Die Gleichsetzung des Kosovo und der Krim, die Alice Schwarzer auch wiederholt, verwischt den prinzipiellen Gegensatz dieser Interventionen: Im Fall Kosovo griff die Nato erst nach langem erfolglosen Ringen im UN-Sicherheitsrat ein, als Hunderttausende Kosovaren schon auf der Flucht waren. Niemand annektierte Kosovo.

Russlands Truppen nahmen die Krim ein, als kein Russe dort an Leib und Leben bedroht war. Moskau rief nicht den Sicherheitsrat an – es schloss die Krim innerhalb von zwei Wochen an. Nicht aus humanitärer Not, sondern aus strategischem Kalkül. 

Schwärmen für ein untergegangenes Russland

Was tatsächlich aus Gysis Rede troff, war sein schriller Antiamerikanismus und seine Europa-Verachtung. Da befindet er sich im gleichen Boot wie die antieuropäischen Rechten der AfD und der Rechtsextremisten. Gemeinsam bilden sie die erste Gruppe derjenigen, die für mehr Verständnis für Putin werben.

Linkes und rechtes Antiwestlertum ist eine unselige urdeutsche Tradition, die viele längst vergessen wähnten. Es lohnt sich, die Tiraden der deutschen Kommunisten und der Vertreter der sogenannten konservativen Revolution in den 1920er Jahren neu zu lesen. Auch damals gab es Russlandversteher, die das Land kaum kannten, aber gegen den Westen anpriesen.

Eine zweite Gruppe sind die Russlandschwärmer, die ein nicht mehr existentes Russland lieben: eine nicht-kapitalistische, langsame, unverdorbene Welt, mit einer Echtheit und Tiefe, die nur in Sibirien oder in der stundenlangen Liturgie der orthodoxen Kirche wirklich zu spüren ist. Gerhard Schröder schien auf seinen ersten Russland-Besuchen ein wenig davon ergriffen zu sein, als er mit Putin in der Moskauer Erlöserkathedrale stand. Auch das ist eine deutsche Tradition, die auf die Romantik des 19. Jahrhunderts und die Zivilisationskritik im 20. Jahrhundert zurückgeht. Das passt natürlich nicht zu Schröder, aber er entdeckte dann ja schnell den russischen Kapitalismus, der ihm auch gut gefiel.