In der türkischen Metropole Istanbul liefern sich Demonstranten und die Polizei schwere Straßenkämpfe. Laut türkischen Medienberichten sind dabei zwei Menschen getötet worden. Wie die Zeitung Hürriyet berichtet, soll ein etwa 20-jähriger Mann bei einer Prügelei unter Demonstranten ums Leben gekommen sein. Ein Polizist starb nach einem Einsatz gegen Demonstranten an einem Herzinfarkt. Das berichtete die türkische Nachrichtenagentur Dogan unter Berufung auf ein Krankenhaus. Der 30-Jährige sei in der östlichen Stadt Tunceli mit Tränengas in Berührung gekommen.

Zehntausende Menschen hatten sich am Nachmittag zu einem Trauerzug für den verstorbenen 15-jährigen Berkin Elvan versammelt. Als die Demonstrationszüge zum zentralen Taksim-Platz zogen, stoppte sie die Polizei mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen. Demonstranten feuerten mit Zwillen, warfen Steine und errichteten Barrikaden.

Elvan war am 16. Juni 2013 von einem Tränengasgeschoss der Polizei am Kopf getroffen worden. Seitdem lag er im Koma. Am Dienstag war er gestorben. Viele der Demonstranten forderten den Rücktritt von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan. "Die Polizei der (Regierungspartei) AKP hat Berkin ermordet", skandierte die Menge im Stadtviertel Okmeydanı, wo der junge Mann gelebt hatte.  

Die Menschen zogen zunächst zur Trauerzeremonie in einem alevitischen Kulturzentrum. Von dort aus liefen sie bis zu dem Ort, an dem der 15-Jährige auf seinem Weg zum Bäcker zufällig in die Proteste geraten und tödlich verletzt worden war. Viele Demonstranten zeigten sich empört, dass noch niemand zur Verantwortung gezogen wurde. "Berkin Elvan ist unsterblich!", riefen die Demonstranten in Istanbul, ebenso "Mörder Tayyip!" und "Regierung Rücktritt!". Einige warfen Steine gegen ein Gebäude der Regierungspartei und zertrümmerten die Fenster. Tausende geleiteten den Sarg schließlich zum Friedhof.

Auch im Zentrum Ankaras setzten die Einsatzkräfte Wasserwerfer und Tränengas gegen Menschen ein, die sich im Gedenken an Berkin versammelt hatten. Mindestens zwei von ihnen wurden verletzt.   

Berkin Elvans Mutter machte Erdoğan für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. Der Ministerpräsident hatte die Polizisten während der Proteste im vergangenen Sommer als Helden bezeichnet. In Ankara klebten seine Gegner jetzt Plakate, auf denen Erdoğan wie auf einem Fahndungsfoto abgebildet war. "Berkins Mörder – gefährlich und aggressiv", stand unter dem Porträt. "Der Mörder-Staat wird zur Verantwortung gezogen", stand auf einem Plakat.

Mehr als 100 Menschen festgenommen

Nachdem der Tod des Jungen am Dienstag bekannt geworden war, hatte es in mehreren Städten des Landes Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gegeben. In der Nacht wurden in Izmir 102 Menschen festgenommen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete.

Mehrere Gruppen riefen zu weiteren Protesten auf dem zentralen Taksim-Platz in Istanbul auf. Die Polizei riegelte daraufhin alle Zufahrtsstraßen ab und ließ nur noch kleinere Gruppen von Passanten durch. Die Polizei warnte, den Demonstranten werde kein Marsch auf den Platz erlaubt. 

Der Vorsitzende der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) Kemal Kılıçdaroğlu sagte, Erdoğan sei verantwortlich für den Tod des Jugendlichen. Erdoğan kümmere sich inzwischen vor allem um das finanzielle Wohl seiner Familie. Vor der für den 30. März angesetzten Kommunalwahl warnte er, die Regierung wolle Gewalttaten provozieren.

Die neuen Massenproteste setzen Erdoğan, der schon von einem Korruptionsskandal belastet ist, unter Druck. Im Internet wurden zudem Telefonmitschnitte veröffentlicht, die die Verwicklung Erdoğans in illegale Machenschaften beweisen sollen. Erdoğan sprach von manipulierten Aufnahmen, die lediglich ihn und seine Regierung diskreditieren sollten. Der Regierungschef verurteilte auch die neuen Demonstrationen: "Der Versuch, 18 Tage vor den Kommunalwahlen die Straßen in Brand zu setzen, zeugt nicht von einer demokratischen Gesinnung", sagte Erdoğan.

Mit dem Tod des Jungen erhöht sich die Zahl der Toten bei den Protesten vom Sommer auf mindestens acht, darunter ein Polizist. Rund drei Millionen Menschen nahmen nach Polizeiangaben an den Protesten zwischen Mai und September teil. Etwa 8.000 Menschen wurden Menschenrechtsorganisationen zufolge verletzt.