Ein prorussischer Demonstrant in Donezk © Alexander Khudoteply/AFP/GettyImages

Nikolai Bogdanow erscheint um 8 Uhr morgens auf der Erdoberfläche. Die ganze Nacht hat er in mehr als 400 Metern Tiefe nach Kohle gegraben. Der 38-jährige ukrainische Bergarbeiter hat andere Sorgen als den politischen Zirkus in Kiew oder gar eine drohende russische Invasion: "Ich will, dass meine zwei Töchter einen Universitätsabschluss schaffen und gut heiraten", sagt Bodganow. "Der Bergbau ist nicht die Zukunft, hier schuften wir wie die Ameisen. Wir brauchen neue Technologien und eine neue Wirtschaft."

Im Donbass, dem industriellen Osten der Ukraine, wo der gestürzte Präsident Viktor Janukowitsch die meisten Unterstützer hatte, scheiden sich die Geister. Einerseits bangen viele um ihre Jobs in den gigantischen metallurgischen Betrieben aus Sowjetzeiten, wenn die neue Kiewer Regierung sich endgültig nach Europa wendet. Andererseits ist fast jedem klar, dass die ukrainische Industrie ohne Modernisierung nicht mehr auf dem Weltmarkt mithalten kann. 

Schon ohne die äußere Bedrohung durch Russland steht das Land vor dem Kollaps. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton nannte die ukrainische Wirtschaft sogar ihre "größte Sorge". Selbst mit den versprochenen Milliarden aus der EU und den USA ist die Lage prekär, denn ein strenger Reformkurs ist unvermeidlich, und er wird hohe soziale Kosten mit sich bringen. Der Internationale Währungsfonds hat Hilfen von bis zu 18 Milliarden Dollar bewilligt – verbunden mit harten Auflagen. Gleichzeitig muss die Ukraine mit russischen Wirtschaftssanktionen rechnen. Seit Anfang des Jahres hat die ukrainische Hriwnja ein Viertel ihres Werts gegenüber dem Dollar eingebüßt.

"Wir wollen stolz auf die Ukraine sein"

"Ich sehe eine Annäherung an die EU positiv, aber nur wenn unsere Konzerne gleichgestellt werden und wir sie weiterhin besitzen werden", sagt Bogdanow. "Wir wollen stolz auf die Ukraine sein." Die Bergarbeiter sind zurückhaltend, wenn es darum geht, auf die Straße zu gehen und dort Politik zu machen. Doch Bogdanow und seine Kumpel wissen genau, womit die neue Regierung anfangen sollte: mit dem Kampf gegen die allgegenwärtige, alltägliche Korruption.

Der Anfang März ernannte Donezker Gouverneur Sergej Taruta sieht das genauso: "Die extrem verbreitete Korruption führt zu einer Verarmung der Bevölkerung, vernichtet kleine und mittlere Betriebe, sie hindert Großunternehmen daran zu wachsen und schreckt Investoren ab", sagt der 58-jährige Stahlunternehmer. Im Korruptionsindex 2013 von Transparency International steht die Ukraine auf Platz 144, noch hinter Russland (Platz 127).

Die Kiewer Übergangsregierung hatte dem Industriellen angeboten, die schwierige Region zu führen. Er nahm erst an, als ihn auch der reichste Mann der Ukraine, der Donezker Oligarch Rinat Achmetow, darum bat. Taruta sieht sich als Krisenmanager und gibt sich selbst ein halbes Jahr, bis erste Resultate seiner Politik zu sehen sein sollen: "Wir haben nicht mehr Zeit. Die Menschen glauben nicht an ihre Regierung." Janukowitsch habe mit der europäischen Integration spekuliert, sagt Taruta, indem er das Assoziierungsabkommen zuerst unterstützte und dann plötzlich – nach Druck aus dem Kreml – fallen ließ. Der Zick-Zack-Kurs habe die Menschen in der Region verunsichert. Der neue Gouverneur sieht Polen und nicht Russland als erstrebenswertes Vorbild einer erfolgreichen wirtschaftlichen Transformation.

"Es ist ein gefährlicher Moment"

Der Region um Donezk geht es relativ gut, verglichen mit dem Westen des Landes, wo fast jede Familie auf das Geld eines Verwandten angewiesen ist, der im Ausland arbeitet. Die Donezker haben das zweithöchste Durchschnittseinkommen im Land nach Kiew, im Dezember betrug es 4.117 Hriwnja, heute sind das weniger als 300 Euro. Obwohl sich die offizielle Arbeitslosenquote unter zwei Prozentbewegt, könnte die Lage bei höheren Energiepreisen und einem russischen Handelsboykott schnell kippen. "Jahrelange Massenarbeitlosigkeit in Donezk ist nicht das, was Europa braucht, um die Situation ruhig zu halten", schreibt Holger Schmiedling, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schlägt vor: Die EU sollte die Architekten der erfolgreichen Reformen in Estland und der Slowakei als Berater in die Ukraine schicken.

Taruta ist kein Berufspolitiker, sondern Geschäftsmann. Er spricht er in optimistischen Floskeln, seine Ziele sind ehrgeizig. Der Gouverneur will den sozial Schwachen helfen, das Investitionsklima verbessern und papierlose, elektronische Behördengänge einführen. "Mit der richtigen Politik lassen sich Reformen ohne große Umwälzungen realisieren. Es gibt Probleme, aber sie können minimiert werden", sagt Taruta. "Ich denke, dass jeder, der seine Kinder liebt, auch zwei bis drei Jahre warten wird, damit sie in Zukunft glücklich sein werden."

Aleksej Matsuka, Chefredakteur der Donezker Nachrichtenseite Nowosti Donbassa, macht sich noch ein Bild vom neuen Gouverneur, der nicht einmal einen Monat im Amt ist. Seine Wahl sei eine Überraschung gewesen, sagt der Journalist, aber möglicherweise sei Taruta auch die richtige Kompromissfigur. Im Kampf gegen Provokateure und Propaganda aus Russland, die den Donbass spalten, wünscht sich Matsuka aber mehr Entschlossenheit vom Gouverneur. "Es ist ein gefährlicher Moment," so Matsuka. "Es reicht nicht, dass er im Fernsehen auftritt und sagt, dass alles in Ordnung ist."