Wladimir Putin und Premierminister Dmitri Medwedjew © Dmitry Astakhov/RIA Novosti/Reuters

Wie soll der Westen auf den Aufmarsch der russischen Armee auf der Krim und auf die unverhohlene militärische Drohung des Kreml gegen die Ukraine reagieren? In den europäischen Hauptstädten und in Washington herrscht Rat- und Hilflosigkeit. US-Präsident Barak Obama warnt Wladimir Putin zwar davor, sich zu isolieren. Und die Europäer mahnen beide Seiten, den Konflikt nicht weiter anzuheizen. Doch Obamas Drohung wird Putin kaum beeindrucken und auch Europa kann oder will nicht mit Konsequenzen drohen.

Denn militärisch werden sich weder die USA noch die Europäer in der Ukraine engagieren. Die neue Führung in Kiew und die ukrainische Armee haben dem russischen Riesen ebenfalls kaum etwas entgegenzusetzen. So kann Russland ungestört Truppen auf die Krim verlegen. Faktisch hat es die ukrainische Halbinsel, die jahrhundertelang zum russischen Reich gehörte, annektiert und dort auch politisch über eine Marionetten-Regierung in der Provinzhauptstadt die Macht übernommen.

Noch weiß niemand, ob sich das russische Expansionsstreben auf die Krim mit ihrer russischsprachigen Bevölkerungsmehrheit beschränkt, oder ob Putin versuchen wird, auch die Ostukraine mit ihrer Schwerindustrie und ihren engen Beziehungen zu Russland unter Kontrolle zu bringen. Auch in diesem Fall könnte er sich auf Hilferufe der russischsprachigen Bevölkerung berufen. Das Land würde damit zweigeteilt – ein Alptraum für die meisten Menschen in der Ukraine, aber auch für den Westen.

Putin schafft Fakten – der Westen schaut zu

Putin schafft Fakten. Anders als der Westen zaudert er nicht: Er nutzt das Machtvakuum im Nachbarland, um nach dem Sturz des Vasallen Janukowitsch und der damit verbundenen psychologischen und politischen Niederlage die Ukraine oder zumindest die Teile, an denen der Führung in Moskau gelegen ist, unter Kontrolle zu bringen.

Der Westen kann es nicht verhindern. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte zwar vor dem Umsturz in Kiew zusammen mit seinen französischen und polnischen Kollegen erfolgreich vermittelt und das innerukrainische Blutvergießen gestoppt. Kurzzeitig sah es so aus, als ob die EU Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse in Kiew und in der Region nehmen könnte. Denn Moskau schien über einen eigenen Vermittler eingebunden.

Doch schon einen Tag später lief die Entwicklung aus dem Ruder: Präsident Janukowitsch floh, die bisherige Opposition übernahm die Macht. Russland stand gedemütigt da.

Europa und die USA hatten diese Entwicklung offenkundig nicht einkalkuliert. Erneut stehen sie, wie schon nach dem Nein Janukowitschs zum Assoziierungsabkommen mit der EU im Herbst, hilflos dem skrupellosen geostrategischen Machtstreben Putins gegenüber.

Der russische Präsident will die frühere Sowjetrepublik nicht kampflos dem Westen überlassen. Schon gar nicht wird er hinnehmen, dass eine neue Führung in Kiew in die EU oder gar in die Nato strebt. Denn das Nachbarland gehört für die meisten Russen von alters her und nicht erst seit den Zeiten der UdSSR zu Russland; es ist für sie ein Kern ihrer Nation. Auch wirtschaftlich kann Putin nicht auf das große Land verzichten, will er seine angestrebte eurasische Union bauen.