In der Ukraine erlebten wir heute einen "Konflikt um Einflusssphären und um Territorialansprüche, wie wir ihn eigentlich aus dem 19. und 20. Jahrhundert kennen", sagte die Bundeskanzlerin am vorigen Donnerstag dem Bundestag – "einen Konflikt, den wir für überwunden gehalten hatten". Solche Interessengegensätze, fügte sie hinzu, ließen sich jedoch nur mit den "Prinzipien und Mitteln unserer Zeit" überwinden.

Soviel Bedenkenswertes Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung zur Ukraine ansonsten sagte – hinter diesen Passagen steckt eine grundlegende Verkennung der weltpolitischen Lage. Das Streben nach Einflusssphären ist sehr wohl ein Merkmal auch unserer Gegenwart. Die Geopolitik, um den nach Hitlers Expansionskrieg zeitweise verpönten Haushoferschen Begriff zu verwenden, ist in Wahrheit nie aus der Mode gekommen. Sie prägt wie eh und je das außenpolitische Handeln der Mächte.

Die Vereinigten Staaten halten bis zum heutigen Tag an der Monroe-Doktrin aus dem Jahre 1823 fest, wonach sich nicht-amerikanische Mächte aus der westlichen Hemisphäre herauszuhalten haben. Präsident Obamas pivot to Asia, seine Achsendrehung in Richtung Pazifik, hat in erster Linie den Zweck, der Volksrepublik China das Eindringen in die seit 70 Jahren unangefochtene amerikanische Einflusssphäre zu verwehren.

Nicht anders sichert sich selbst Indien, abweichend von Mahatma Gandhis reiner Lehre, seine regionale Dominanz. Dreimal hat es Krieg mit Pakistan geführt; auf den Malediven wie auf Sri Lanka griff es militärisch ein; in Afghanistan festigt es derzeit mit diplomatischen Mitteln und dem Hebel der Entwicklungshilfe seine Position. Auf dem Gebiet des internationalen Handels stellen auch die Verhandlungen über ein Transatlantisches Freihandels- und Investitionsabkommen nichts anderes dar als ein neuartiges Ringen um Einflusssphären: Es geht darum, wer die Regeln des Welthandels bestimmt, der alte Westen oder das neue China.

Und machen wir uns nichts vor: Die Nato hat ihre Ostgrenzen auch nicht aus bloßer Menschenfreundlichkeit oder Demokratie-Begeisterung weit nach Osten vorgeschoben, sondern aus handfestem geopolitischem Interesse – und dies trotz der gegenteiligen Zusage, die der amerikanische Außenminister James Baker dem sowjetischen Präsidenten Gorbatschow im Februar 1990 gab. Die Russen nahmen dies im Falle Polens und der baltischen Republiken zähneknirschend hin, aber als die Amerikaner 2008 auch auf die Aufnahme Moldawiens und Georgiens drängten und sogar mit dem Beitritt der Ukraine liebäugelten, reagierten sie mit Gewalt – der Georgien-Krieg vom August 2008 war die Antwort. So dicht wollte sich Putin nicht auf die Pelle rücken lassen; das ließ sein Verständnis von nationaler Sicherheit ebenso wenig zu, wie Kennedy 1962 die sowjetischen Raketenstützpunkte auf Kuba zu dulden bereit war. 

Im Jahre 2008 war es übrigens die Bundeskanzlerin, die der sofortigen Aufnahme der Republik Moldau und Georgiens in die Nato einen Riegel vorschob. Vorige Woche sicherte sie beiden in ihrer Regierungserklärung "unsere Solidarität" zu – ohne allerdings näher zu erläutern, welche Verpflichtungen uns daraus erwachsen könnten. Im gleichen Atemzug nannte sie das EU-Angebot einer Reformpartnerschaft mit der Ukraine "einen Ansatz der Nachbarschaftspolitik, nicht der Geopolitik"; es sei gegen niemanden gerichtet.

Aber darf es einen wirklich wundern, dass Putin dies anders sieht – nämlich als ungebremstes Vorschieben der westlichen Einflusssphäre bis an die Türschwelle Russlands?

Wenn er sich jetzt die Krim zurückholt, die Chruschtschow 1954 – manche sagen, in nicht ganz nüchternem Zustand – der Ukraine schenkte (und die, hätte es Chruschtschow nie gegeben, heute unbestritten und unbestreitbar zu Russland gehörte), wird dem Westen nicht viel anderes bleiben als schwächliches Gestikulieren. Sollte der Kreml-Machthaber sich dann aber an der Ost-Ukraine vergreifen, müssen Amerika und die EU sich jedoch wehren. Dann beginnt ein neuer Kalter Krieg. Er wird zwangsläufig nach den Regeln des 19. und 20. Jahrhunderts ausgetragen.

Es sei denn, es gelingt der Diplomatie doch noch, einen Kompromiss zu schmieden: Die Ukraine bleibt zwischen Ost und West neutral, wie dies der amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer in der New York Times vertritt, was sich auch Henry Kissinger und Zbigniew Brzezinski vorstellen können; als beider "nahes Ausland" anerkannt; der Europäischen Union wie der Eurasischen Union gleichermaßen verbunden; ein souveräner Pufferstaat.

Misslingt der diplomatische Ansatz, dann geht das alte Spiel verstärkt weiter: das Ringen um Einfluss und Vorherrschaft, die risikoreiche Rivalität der Mächte. Es hat in Wahrheit nie aufgehört.