Zwei Gewissheiten gibt es in der Ukraine-Krise. Erstens: am Anschluss der Krim an die Russische Föderation ist nicht mehr zu rütteln; noch so lautstarke westliche Empörung wird daran nichts ändern. Zweitens: Niemand will einen bewaffneten Konflikt. Nicht nur die Bundeskanzlerin schließt jegliche militärische Option selbst für den Fall aus, dass Putin seinen Ehrgeiz nun auf die "Heimholung" der Ost-Ukraine richten sollte.

Würde der Kreml-Machthaber dies tatsächlich beabsichtigen (was er bestreitet), so wollen Amerikaner und Europäer ihn mit einschneidenden Sanktionen überziehen. Sanktionen sind jedoch ein zweischneidiges Schwert. Da keineswegs sicher ist, ob die westliche Entschlossenheit zu einem unbegrenzten Handelskrieg angesichts der enormen Schäden für die eigene Wirtschaft im Ernstfall erhalten bliebe, ertönt allenthalben der Ruf nach Dialog, Miteinander-Reden, Deeskalation durch Gespräch, vulgo: Diplomatie.

Indes fällt auf, dass im praktischen Vollzug der westlichen Politik vieles betrieben wird, das nur eine einzige Wirkung haben kann: den Dialog zu erschweren oder gar zu verhindern.

Da reden die einen davon, dass wir in der Bundesrepublik wieder die Wehrpflicht einführen müssten – als wäre Putin, hätten wir sie nicht 2011 ausgesetzt, davor zurückgeschreckt, die Krim zu annektieren. Amerikanische Hardliner schlagen vor, dass die Nato von ihrer Zusage abrückt, keine Kampftruppen in ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten zu stationieren. Deutsche Hardliner bejammern, dass die Ukraine nicht 2008 in das Bündnis aufgenommen wurde – in der törichten Annahme, dass die Russen ihren Schwarzmeer-Kriegshafen mit Kusshand an den Westen übergeben hätten. Nun geistert auch wieder die Idee durch den Raum, Moldawien und Georgien die Nato-Mitgliedschaft anzubieten. Zu Recht warnt freilich der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, vor einer Ausweitung des Bündnisses nach Osten: Es wird die Russen nicht abschrecken, sondern nur die Spannung weiter erhöhen.

Und so verständlich es auch sein mag, dass die EU der Ukraine ein aufmunterndes Zeichen geben wollte – der politische Teil des Assoziierungsabkommens mit Kiew, der vergangene Woche in Brüssel unterschrieben wurde, ist auf unverständliche Weise militärlastig. An zwölf Stellen ist von "Konvergenz der Außen- und Sicherheitspolitik" die Rede; von vertiefter Kooperation auf dem "Feld der Sicherheits- und Verteidigungspolitik", von "Nutzung aller diplomatischen und militärischen Kanäle" und "regelmäßigen Treffen hoher Beamter und Experten der Militärinstitutionen der vertragschließenden Parteien", ferner von "gemeinsamer Planung", "Erkundung des Potenzials für militärisch-technologische Kooperation", engen Kontakten mit der European Defence Agency (EDA) und allmählicher Einbeziehung in die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) der EU.

Ein politisches Abkommen? Welch ein Etikettenschwindel! Moskau erinnert sich sehr wohl daran, dass der Annäherung der einstigen Ostblockländer an die Europäische Union sehr bald die Aufnahme in die Nato folgte. In dem Assoziationsabkommen wird es vor allem eine Kandidatur für die Nato-Mitgliedschaft der Ukraine erblicken. Die Einverleibung Transnistriens – eine denkbare Retourkutsche – würde den Westen ein weiteres Mal in die Rolle des ohnmächtigen Zuschauers zwingen.

Wo aber bleibt die Diplomatie? Da werden Begegnungen abgesagt, obwohl man doch behauptet reden zu wollen. Da wird wohl stundenlang telefoniert, doch wirft man sich vor allem gegensätzliche Auffassungen an den Kopf, über das, was Recht und Unrecht ist, was innere Angelegenheiten sind, was Aggression darstellt.

Mit Mühe hat die Diplomatie wenigstens einen ersten entspannenden Schritt erreicht, die Entsendung einer OSZE-Beobachtergruppe in die Ukraine. Was fehlt, ist jedoch die große Geste, der große Auftritt, das große Konzept für die Lösung der Krise. Wo bleibt die beherzte Initiative, die der weiteren Eskalation wehrt und den Dingen Richtung und Gestalt gibt wie einst der Wiener Kongress 1815, die Helsinki-Konferenz 1975, die Charta von Paris für ein Neues Europa aus dem Jahr 1990? Die den Bereich des Möglichen auslotet: die "Finnlandisierung" der Ukraine, enge wirtschaftliche Verzahnung also mit der EU bei militärischer Neutralität; Schaffung eines gesamteuropäischen Wirtschaftsraumes von Lissabon bis Wladiwostok, die EU und Putins Eurasische Union überwölbend und verbindend; dazu eine neue Sicherheitspartnerschaft, die nach außen durch Bestätigung der bestehenden Grenzen, nach innen durch verbrieften und überwachten Minderheitenschutz Entspannung bringt?

Utopie? Vielleicht sollten wir uns an Bismarcks Ziel erinnern: "Motiven zu Verstimmungen rechtzeitig vorzubeugen, solange es noch mit Ehre möglich ist."