Es gab auch in Russland Stimmen wie die des bekannten Spindoktors und Putin-Deuters Stanislaw Belkowski, der zu dem Schluss kam, Putin sei nach den Olympischen Spielen in Sotschi schlicht und einfach verrückt geworden. Er glaube nun, zu allem fähig zu sein und wolle als großer Staatsmann in die Geschichte eingehen. Später korrigierte Belkowski seine Annahme: In Wirklichkeit solle die Operation Krim die in der Ukraine derzeit unbeliebte Julija Timoschenko stärken. Sie ist die Wunschkandidatin Moskaus und sie könnte nach einer erfolgreichen Vermittlung in der Krim-Krise doch noch zur ukrainischen Präsidentin gewählt werden.

Angesichts der schwerwiegenden politischen und wirtschaftlichen Folgen des Einmarsches auf der Krim, ja der Gefahr einer internationalen Isolation des Landes, greifen solche Erklärungsversuche jedoch zu kurz.

Das Schlüssigste hat bislang die Politikwissenschaftlerin Maria Snegowaja von der New Yorker Columbia University in der russischen Zeitung Wedomosti geschrieben: Wladimir Putin und die russische Elite denken in den Kategorien des von Samuel Huntington beschriebenen Kampfes der Kulturen. Snegowaja führt zudem einige Werke vorrevolutionärer russischer Philosophen an, die nachweislich in breiten Kreisen der politischen Elite gelesen werden. Ihnen gemein ist eine Weltsicht: Die westliche Zivilisation ist dem orthodoxen Russland fremd und hinter allen deklarierten Zielen steht am Ende nur die Absicht des Westens, Russland zu vernichten und die Einzelteile des russischen Reiches untereinander aufzuteilen.

Einfluss sichern um jeden Preis

Für Putin – darüber wurde viel und oft geschrieben – ist der Zerfall der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Welche Schlüsse er daraus zieht, erleben wir in diesen Tagen. Nein, anders als die Sowjetunion strebt Putin nicht danach, die Welt zu erobern, sie den eigenen Werten anzupassen. Er schickt keine russischen Soldaten nach Angola oder Nicaragua. Aber er ist überzeugt, dass es in der multipolaren Welt geopolitische und kulturelle Einflusssphären gibt, die es um jeden Preis zu verteidigen gilt. Deshalb macht er sich nun daran, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verloren gegangenen "russischen Länder" wieder zu sammeln. Dazu gehört Zentralasien, dazu gehört der Südkaukasus, und dazu gehören der Osten und der Süden der Ukraine. Die Länder müssen Russland nicht einverleibt werden – Putins Integrationsinstrument ist die Eurasische Union.

Der Imageverlust für ihn und sein Land ist ihm völlig egal. Wer im Laufe des vergangenen Jahres mit Vertretern der politischen Elite gesprochen hat, der weiß: Aus Sicht der Russen agiert der Westen zynisch und interessengeleitet, Demokratie und Menschenrechte sind nur Feigenblätter, um eigene geopolitische und wirtschaftliche Ziele zu erreichen. Als Beispiele dienen die Kriege im Irak und im Kosovo.