Serhij Zhadan am 1. März in Charkow © Privat

ZEIT ONLINE: Herr Zhadan, wie geht es Ihnen, Verletzungen verheilt?

Serhij Zhadan: Mir geht es gut, ich bin auf dem Weg zur Buchmesse in Leipzig. Sie sprechen das Blutbad vom 1. März an. Es war ein Samstag, schon die gesamte Woche davor hatten russische Touristen in meiner Heimatstadt Charkiw für Russland demonstriert, dann kam es zur Eskalation. Einige Hundert prorussische Leute stürmten das Parlament. Ich war mit etwa 200 Bürgern im Gebäude, darunter waren etwa 50 bis 60 Leute vom Rechten Sektor, also junge nationalistische Kämpfer, der Rest waren Studenten, Arbeiter, Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft. Als die russischen Touristen das Parlament stürmten, um die russische Fahne zu hissen, kam es zur Gewalt. Am Ende des Tages mussten etwa 100 Menschen ins Krankenhaus. Das war schrecklich. Ich hatte Glück, die Platzwunden am Kopf und am Auge sind inzwischen wieder verheilt.

ZEIT ONLINE: Auf der Krim wollen viele Ukrainer Russen werden, womöglich die Mehrheit auf der Halbinsel. Wie vielen ihrer Nachbarn in Charkiw geht es ähnlich?

Zhadan: Ich bin mir nicht sicher, dass viele Ukrainer auf der Krim ein Teil Russlands werden wollen. Wie die Situation dort wirklich aussieht, weiß man nicht, da die russische Propaganda die Realität verdeckt. Der Ausgang des irregulär schnell angesetzten Referendums am Sonntag dürfte klar sein, die Mehrheit wird für eine Annektierung der Krim stimmen, unabhängige Wahlbeobachter sind nicht erlaubt. Aber hier in Charkiw, im Osten der Ukraine, kenne ich die Realität: Es gibt Menschen, die prorussische Interessen haben, aber die große Mehrheit will sich keinesfalls Russland angliedern. Auf den Demos wie am 1. März sind immer sehr viele russische Touristen, die die Stimmung beeinflussen.

ZEIT ONLINE: Wen meinen Sie mit russischen Touristen?

Zhadan: Charkiw liegt ziemlich nah an der Grenze zu Russland, von dort kommen dann Busse voll mit Russen, die hier gegen die Revolutionsbewegung aus Kiew und für einen Anschluss an Russland demonstrieren. Wir alle in Charkiw haben diese Busse gesehen. Am 1. März, als es zu den vielen Verletzten kam, standen hier mindestens 20.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie kommende Woche von der Buchmesse zurück nach Charkiw kommen, befürchten Sie eine noch schlimmere Situation?

Zhadan: Die Ereignisse können sich am Sonntag, dem Tag des Referendums auf der Krim, und danach überschlagen. Angst habe ich nicht, aber mir gefällt das nicht. Die Situation ist unruhig, auf den Straßen werden wohl wieder viele russische Touristen sein. Sie werden erneut versuchen, die Lage zu destabilisieren.

ZEIT ONLINE: Wie wahrscheinlich ist der nächste Schritt, eine Teilung der Ukraine in West und Ost?

Zhadan: Für Putin hat die Krim Priorität, alle Aktivitäten in der Ostukraine sind nur Taktik, um dieses Ziel zu erreichen. Der Osten unseres Landes wird Teil der Ukraine bleiben. An der Grenze zu Russland stehen zwar Tausende russische Soldaten und Panzer bereit, aber ich hoffe sehr, Russland verfolgt keinen Plan, die Ostukraine zu okkupieren.

ZEIT ONLINE: Falls doch, was kann die Ukraine tun, damit nicht Ähnliches wie auf der Krim in Teilen der Ostukraine geschieht?

Zhadan: Ehrlich gesagt: Genau weiß ich das nicht. Das ist eine schwere Frage, und ich hoffe nur, dass wir darauf keine Antwort finden müssen, dass es kein weiteres Blutvergießen, keine weiteren Toten gibt. Vielleicht wird die Krim wie Abchasien nach Russland gehen, aber ich verstehe die Logik dahinter nicht. Wieso Putin so viel kaputt macht, verstehe ich nicht.

ZEIT ONLINE: Darüber rätselt momentan die halbe Welt. Was würden Sie den russischen Präsidenten fragen, wenn Sie mit ihm fünf Minuten alleine wären?

Zhadan: Ich würde ihn mir einfach angucken, gar nichts sagen. Keiner weiß doch, was dieser Mensch wirklich denkt. Ich habe all seine Interviews und Presseerklärungen gesehen. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Er scheint einen Plan zu haben, eine Mission, die er wie ein Terminator oder Cyborg umsetzt, Gefühle sind nicht zu erkennen.