Viele deutsche Beobachter sind enttäuscht und überrascht, dass die Partei des Premiers Recep Tayyip Erdoğan die Kommunalwahlen am 30. März so deutlich gewonnen hat. Das harte Vorgehen gegen die Gezi-Proteste, die immensen Korruptionsvorwürfe und die noch dreistere Reaktion darauf, die in der Versetzung der ermittelnden Staatsanwälte, Richter und Polizeibeamten mündete, hätten in den meisten westlichen Demokratien die Regierung zum Rücktritt gebracht. Oder sie wäre abgewählt worden. Spätestens mit der Zensur kritischer Medien wie Twitter und YouTube  wäre das Fass doch endgültig voll gewesen. Warum ist das in der Türkei anders?

1. Unser medial vermitteltes Bild der Türkei ist verzerrt und fokussiert auf die Großstädte. Bilder von Protesten aus Istanbul, Ankara und gelegentlich Izmir fungieren als pars pro toto. Aber über die Verhältnisse im Landesinneren wissen wir kaum etwas.  Die Aufbruchsstimmung der jungen, gut gebildeten, westlich gesinnten Menschen in den Metropolen, die die Regierung an hohen demokratischen Ansprüchen messen, ist nicht repräsentativ für die Türkei. Das Landesinnere und auch weite Teile der Schwarzmeerküste sind fest in AKP-Hand. Das belegen Wahlerfolge in Städten wie Konya, Kayseri und Erzurum, wo Erdoğans Partei 60 Prozent der Stimmen oder mehr gewann. Die Zustimmung zur AKP-Regierung in diesen Regionen, zumindest aber ihre wohlwollende Billigung, war kaum Gegenstand des politischen Diskurses.

2. Diese Wahl war stark vom politischen Kampf zwischen der Gülen-Bewegung und der AKP geprägt. Die Auseinandersetzung mit den Oppositionsparteien (CHP und MHP) fand nur am Rande statt. Das hat auf beiden Seiten, bei der AKP wie den Gülen-Anhängern, zu  einer starken Politisierung und Mobilisierung geführt. An der Wahlurne haben sich die Gülen-Anhänger doch eher für eine islamische Partei (AKP) als die – als gottlos wahrgenommene – Opposition entschieden. Islam und religiöses Selbstverständnis, eine  Kerndimension der persönlichen Identität, waren am Ende wichtiger als die Verärgerung über Erdoğan. Früher explizit und diesmal ungewollt hat so der Prediger Fethullah Gülen erneut Erdoğan zum Sieg verholfen.

3. Korruption ist ein ständiger Begleiter der jüngeren türkischen Geschichte. Die moralische Empörung darüber wird durch die wirtschaftlichen Erfolge der AKP weitestgehend kompensiert. Auch frühere Parteien und Politiker waren korrupt, brachten der breiten Bevölkerung aber weniger Wohlstand.

4. Vor diesem Hintergrund war das Kreuz des Wählers bei der AKP durchaus rational und keine ideologische Verblendung. Postmaterialistische Werte wie Selbstentfaltung, bürgerliche Freiheiten und pluralistische Lebensentwürfe haben in Schwellenländern kaum Durchsetzungskraft. Wohlstand, Konsum und Genuss sind deutlich wichtiger für die allermeisten Wähler. Die Verlockungen des Konsums und des Genusses sind deutlich stärker. Gerade in Zentralanatolien hat sich eine bürgerlich-konservative Mittelschicht gebildet, der die AKP nicht nur Prosperität, sondern auch eine Identität gegeben hat: als stolze Erben eines türkisch-islamischen Großreiches.

5. Es gibt seit zehn Jahren keine echte politische Alternative zur AKP. Nach den Gezi-Protesten keimte die Hoffnung, dass Linke, antikapitalistische Muslime, Aleviten, Kurden und Kemalisten zusammenfinden würden – dass sie ihre Einzelinteressen zugunsten einer gemeinsamen moralischen Vorstellung hinter sich lassen könnten. Doch daraus wurde nichts. Keine Partei konnte wirklich von der gegenwärtigen Krise profitieren.