Russland bedient sich auffällig häufig Vorwürfen von Antisemitismus gegenüber der ukrainischen Interimsregierung. Kremltreue Medien stellen die "faschistische" ukrainische Regierung immer wieder als eine Bedrohung dar. An das internationale Publikum sendet der Kreml die Botschaft, dass die neue Regierung, zu der die Swoboda-Partei, mit ihren Verbindungen zu Neonazis, gehört, eine Welle von Nationalismus und Antisemitismus losgetreten habe. Putins Behauptung, die Machtübernahme der Maidanisten habe zu einem Anstieg antisemitisch motivierter Attacken geführt, ist ganz offensichtlich falsch. Mehr noch: Je genauer man hinsieht, desto mehr verraten diese Anschuldigungen über jene, die sie erheben.

Niemanden muss es überraschen, dass es in der Ukraine Antisemitismus gibt. Allerdings scheint es, dass antisemitische Übergriffe dort – im Gegensatz zu Westeuropa – gerade nicht zunehmen. Jüdische Gruppen in der Ukraine sind davon überzeugt, dass zumindest einige antisemitische Übergriffe, etwa gegen Synagogen auf der Krim und in der südostukrainischen Stadt Saporischschja, in Wirklichkeit auf das Konto prorussischer Provokateure gehen. Die Angreifer wollten Angst unter den Juden vor Ort verbreiten und die Weltöffentlichkeit gegen die neue Regierung aufhetzen, heißt es. Josef Zissels, der Vorsitzende der Vereinigung Jüdischer Organisationen und Gemeinden in der Ukraine, hat behauptet, diese Übergriffe seien "Provokationen", die die "Regierung in Kiew diskreditieren" sollen. Gleichzeitig äußerte er Sorgen um die Sicherheit der Krim-Tataren unter russischer Herrschaft.

Mehrere jüdische Wortführer in der Ukraine haben die russische Antisemitismus-Behauptung zurückgewiesen; sie brauchten und wollten keinen russischen "Schutz", sagen sie. Einige haben Putin öffentlich scharf kritisiert. In der neuen Regierung gibt es einen jüdischen stellvertretenden Premierminister, Wolodymyr Groysman. Und als Wadim Rabinowitsch, der Vorsitzende des All-Ukrainischen Jüdischen Kongresses, seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen ankündigte, sagte er: "Ich will all die Mythen über die antisemitische Ukraine beenden, die weltweit verbreitet werden." Jüdische Wortführer haben darauf hingewiesen, dass die Swoboda-Partei sich mit antisemitischer Rhetorik zurückgehalten habe, seit sie Teil der Regierung geworden ist.

In der Art, wie Putin und seine Kollegen sich die Angst vor Antisemitismus in ihrer Propaganda-Kampagne zunutze machen, verbirgt sich ein eigener Anteil antisemitischen Mythenglaubens. Ihre Taktik legt nahe, dass sie selbst an eine jüdische Kontrolle der öffentlichen Meinung und einen übermäßigen jüdischen Einfluss auf die internationale Politik glauben. Sie nehmen offenbar an, dass die öffentliche Meinung und westliche Regierungen leicht manipulierbar sind, wenn man nur die Ängste von Juden in aller Welt schürt. Außerdem zeugt Putins Propaganda von einer intellektuellen Geringschätzung der jüdischen Gemeinschaft. Er scheint davon auszugehen, dass ihre Mitglieder sein Spiel nicht durchschauen und dass ihre politische Ausrichtung nur von engstirnigem Eigeninteresse bestimmt ist. Putin glaubt, indem er deutsche Holocaust-Schuldgefühle und den angeblichen Einfluss der Juden in den USA mobilisiert, könne er den Widerstand gegen seine großrussische Politik spalten.

So ist ein verdrehter Antisemitismus entstanden, der sich als Sorge um die Juden tarnt, aber in Wirklichkeit die üblichen Stereotype bedient. Derweil loben extreme Nationalisten und Antisemiten im Westen, wie zum Beispiel die ungarische Jobbik-Partei, Russlands Neoimperialismus und amüsieren sich wahrscheinlich über Putins Zynismus.

Xenophobie und Rassismus wuchern in Russland

Der zaristische und der bolschewistische Antisemitismus mögen der Vergangenheit angehören, aber es gibt Anlass zur Sorge über die Zukunft. In den vergangenen Jahrzehnten kam Russland immer wieder wegen rassistischer Gewalt gegen Minderheiten in die Schlagzeilen. Der Journalist Viktor Davidow schreibt: "Seit Präsident Putin an der Macht ist, ist Russland zu einem Feld geworden, auf dem bedrohliches Unkraut wie Xenophobie und Nationalismus nur so wuchert." Die Zahl rassistisch motivierter Übergriffe steige, so der Russisch-Jüdische Kongress. Das Sova-Zentrum, ein unabhängiges Forschungsinstitut, berichtet, dass in den ersten zwei Monaten dieses Jahres sechs Menschen bei "xenophoben oder Neonazi-Übergriffen" getötet worden sind. Zwar seien einzelne rassistisch motivierte Gewalttaten von der Justiz geahndet worden, in den meisten Fällen aber verschließen die Behörden die Augen und ließen die Täter davonkommen.

In wichtigen Medien, wie etwa der Komsomolskaja Prawda, finden sich antisemitische Hetztiraden, etwa ein Artikel mit der Überschrift Russlands wahre Schande. Darin wurden ausschließlich jüdische oder jüdisch klingende Namen von Personen aufgeführt, die die Maidan-Bewegung in der Ukraine unterstützten. Erst kürzlich wurde ein jüdischer Politiker, nachdem er die sowjetischen Geheimdienstmethoden kritisiert hatte und dann Opfer eines antisemitischen Übergriffs geworden war, selbst vor mehrere Duma-Ausschüsse zitiert und kritisch über sein Blog befragt.

Wenn Putin und sein Team die Verbitterung der Bevölkerung über den Verlust des Sowjetreiches weiter anheizen, werden auch völkisches Ressentiment und dumpfer Nationalismus zunehmen. Sie könnten zu noch mehr antisemitischen Anfeindungen führen. Wenn dann auch noch Sanktionen die Konjunktur in Russland dämpfen, darf man dreimal raten, welcher übliche Sündenbock sich schnell fände. Ein solches Russland wird deutlich gefährlicher für Minderheiten sein, einschließlich für Juden, als es die Ukraine ist, wo die Kräfte der Demokratie und des Pluralismus solchen Dämonen gerade ein Gegengewicht entgegensetzen.