Es geht über abgesperrte Straßen, vorbei an Polizisten in Spezialmontur. Nur wenige Schaulustige stehen am Straßenrand, als die Autokolonne der Kanzlerin vom Flughafen in die Innenstadt rast. Um kurz nach halb drei Uhr am Nachmittag kommt Angela Merkel in Athen an. Vor anderthalb Jahren  war sie das letzte Mal da. Damals, im Oktober 2012, ging es darum, ob Griechenland die nächste Tranche aus dem EU-Hilfspaket bekommen sollte, immerhin 32 Milliarden Euro. 30.000 aufgebrachte Menschen demonstrierten auf dem Platz vor dem Parlament gegen die Sparpolitik und, vor allem, gegen Merkel. "Angela, du bist nicht willkommen", konnte man auf Plakaten lesen.

Diesmal ‎ist die Stimmung anders. Zwar ächzt Griechenland noch immer unter der Krise. Die Arbeitslosenquote liegt bei 28 Prozent; jeder zweite Jugendliche ist ohne Job.‎ Aber es gibt sanfte Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung. Auf ihrem iPad hat Merkel eine Grafik im Gepäck, wonach die Lohnstückkosten Griechenlands inzwischen unter denen Deutschlands liegen.

In einem Hotel in der Innenstadt von Athen trifft die Kanzlerin griechische Start-up-Unternehmer, danach spricht sie mit griechischen und deutschen Managern. Und immer soll von diesen Terminen vor allem ein Signal ausgehen: Ja, die griechische Wirtschaft kann wieder wachsen. Ja, das Land ist auf einem guten Weg. Der griechische Premierminister Antonis Samaras spricht an diesem Nachmittag immer wieder vom "neuen Griechenland". Die Zeit der großen, staatlich dominierten Unternehmen sei "vorbei".

Auch Merkel lobt die Griechen. "In ihrem Land stecken Möglichkeiten, die noch gar nicht erfasst worden sind", sagt sie in ihrem typischen, manchmal etwas verdrehten Merkel-Deutsch zu den Unternehmern. Und dann erzählt sie eine kleine Geschichte von zu Hause, aus ihrem eigenen Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern. Auch dort seien nach der Wende viele Jobs weggebrochen, viele Menschen hätten das Gefühl gehabt, nicht mehr gebraucht zu werden. "Ich habe eine Vorstellung davon, welchen Belastungen ihr Land zurzeit ausgesetzt ist", sagt Merkel. Deutschland werde die Griechen beim Aufbau einer Förderbank für kleine Unternehmen unterstützen.

‎Es klingt alles harmonisch. Viel harmonischer als in den vergangenen Jahren der Krise.

‎Denn noch etwas ist anders als bei Merkels letztem Besuch. Damals versuchte in Deutschland noch keine relevante politische Kraft, Stimmung gegen die Griechen, gegen Brüssel oder den Euro insgesamt zu machen. Jetzt aber gibt es die AfD. Und diese Partei ist auch Fleisch vom Fleische der CDU, sehr viele enttäuschte Konservative sind zur AfD übergelaufen. Und sollte die AfD bei der Europawahl Ende Mai wirklich so gut abschneiden, wie es die Umfragen derzeit vorhersagen, wird auch in Merkels CDU die Debatte aufflammen: Wie halten wir es eigentlich mit dem rechten Rand?

Ein Showtermin, der Merkel und Samaras nutzen soll

Auch deswegen besucht Merkel an diesem Nachmittag Athen. Es ist nur ein Kurzbesuch, aber sechs Wochen vor der Europawahl sollen die Wähler zu Hause  sehen, dass die Kanzlerin die Krise im Griff hat. Es ist in gewisser Weise ein politischer Showtermin. Und zwar einer, der beiden Regierungschefs nutzen soll: Merkel genauso wie Samaras.

‎Erst am gestrigen Donnerstag hatte Griechenland sich wieder Kapital bei privaten Geldgebern beschafft – zum ersten Mal nach vier Jahren. Insgesamt drei Milliarden Euro kamen bei der Auktion griechischer Staatsanleihen zusammen. Die Anleihen haben eine Laufzeit von 5 Jahren, die Anleger erhalten dafür einen Zinssatz von 4,75 Prozent. Nach Angaben des griechischen Finanzministeriums soll die Anleihe um das Achtfache überzeichnet gewesen sein.

Die Aktion galt auch deswegen als großer Erfolg, weil Griechenland im April vor vier Jahren dramatisch dabei gescheitert war, sich frisches Geld von Investoren zu holen. Damals wollte sich die Regierung in Athen rund eine Milliarde Euro beschaffen. Weil das nicht klappte, mussten die anderen Euro-Staaten einspringen. Es war der Beginn der Euro-Krise.

Merkel will nicht mehr die strenge Kontrolleurin sein

Dabei ist das Land noch lange nicht so weit, finanziell wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Zwar hatte Griechenland im vergangenen Jahr erstmals einen kleinen Primärüberschuss erzielt: Wenn man die Zinsen herausrechnet, die das Land für seine Kredite zahlen muss, waren die laufenden Haushaltseinnahmen größer als die Ausgaben. Aber in Wahrheit sind es eben genau diese enorm hohen Kredite, die das Land über Wasser halten – und die noch zurückgezahlt werden müssen. Rund 240 Milliarden Euro an Hilfsmitteln hat Griechenland ‎in den vergangenen Jahren erhalten, davon kamen 134 Milliarden Euro aus den europäischen Krisentöpfen EFSF und ESM. Weil der griechische Schuldenstand bei mehr als 170 Prozent der Wirtschaftsleistung steht, könnte es womöglich sogar zu einem erneuten Schuldenschnitt kommen – wenn die griechische Wirtschaft nicht über einen längeren Zeitraum deutlich wächst. Auch ein drittes Hilfspaket für das Land könnte dann notwendig werden.

Merkel ist sehr bemüht, bei ihrem Besuch in Athen keinen zusätzlichen Druck aufzubauen. Sie hat jetzt eine neue Rolle: Sie will die verständnisvolle ‎Partnerin sein, nicht mehr die strenge Kontrolleurin.

‎Wie schwierig die Lage in der Euro-Zone weiterhin ist, zeigt eine Debatte, die Merkel schon auf sich zukommen sieht: Die Frage nämlich, ob Länder wie Italien und Spanien mehr Zeit bekommen, um aus der Krise herauszuwachsen. Beide Länder drängen darauf, durch Steuersenkungen ihre Wirtschaft wieder anzukurbeln. Die EU-Kommission ist strikt dagegen. Auch Merkel will die Defizitziele des Stabilitätspakts nicht aufweichen.

Andererseits: Als Merkel 2005 das erste Mal Kanzlerin wurde, scherte sich die damalige große Koalition auch nicht um den ‎Stabilitätspakt – und brachte gleich zu Beginn ein 25 Milliarden Euro teures Wachstumspaket auf den Weg. Vor diesem Hintergrund dürfte es schwer sein, den heutigen Krisenstaaten eine ähnliche Strategie zu verweigern.