Alexis Tsipras © Aris Messinis/Getty Images

Alexis Tsipras ist Vorsitzender der griechischen Partei Syriza (Vereinigte Soziale Front) und griechischer Oppositionsführer. Zugleich ist er Spitzenkandidat der europäischen Linken bei der Wahl zum Europaparlament am 25. Mai. Damit kandidiert der 39-Jährige faktisch auch für das Amt des Kommissionspräsidenten. Größere Chancen hat er jedoch in Griechenland, wo die Wahlen als Stimmungstest für die Regierung von Ministerpräsident Antonis Samaras gelten. Geht Syriza als stärkste Partei hervor, könnte Griechenland bald in Neuwahlen gehen.

DIE ZEIT: Herr Tsipras, Sie sind der Spitzenkandidat der Linken in Europa. Was bieten Sie den Europäern an?

Alexis Tsipras: Die Politik der EU-Führung ist der Hauptgrund für Euro-Skeptizismus und den Erfolg der europäischen Rechtsextremisten. Wir müssen alle alarmiert sein durch den Erfolg des Front National in den französischen Kommunalwahlen. Die europäische Idee ist in der Krise. Deshalb müssen wir die Grundwerte der EU neu beleben: Solidarität, Frieden, Demokratie und soziale Kohäsion. All das ist in Gefahr. Die Botschaft der Linken ist: Neoliberale Politik hat Europa von seinen Grundwerten entfremdet. Lasst uns die Sparpolitik beenden und uns auf Demokratie und sozialen Zusammenhalt besinnen.

ZEIT: Sie haben Euro-Skeptiker in der eigenen Partei, die die Euro-Zone verlassen wollen. Wie überzeugen Sie die?

Tsipras: Wir, die Syriza, sind eine vielstimmige demokratische Partei, in der wir nach Mehrheitsprinzip entscheiden. Eine Minderheit hat eine andere Meinung über den Euro. Unsere Partei als Ganzes aber will das Land im Euro sehen – vorausgesetzt, dass der soziale Zusammenhalt nicht bedroht ist.

ZEIT: Einer ihrer Berater schlägt ein Referendum über den Verbleib in der Euro-Zone vor.

Tsipras: Häufig verzerren die Medien die Aussagen unserer Parteimitglieder. Giannis Dragasakis sagte, dass sich eine Syriza-Regierung auf das Volk stützen würde. Wir würden uns der Unterstützung vergewissern und die Menschen befragen. Wir wollen die Euro-Zone nicht auflösen, aber wir werden niemandes Geisel sein. Unser wesentliches Ziel ist, dass die Griechen würdig aus der Krise kommen und die Euro-Zone in den Aufschwung findet. Wir haben keine weiteren Pläne.

ZEIT: Die CDU-Kanzlerin Angela Merkel beschenkt gerade die deutschen Rentner und führt den Mindestlohn ein. Beneiden Sie sie um diese Sozialreformen?

Tsipras: Frau Merkel folgt einer Politik, die der Vereinbarung von SPD und CDU/CSU folgt. Sie macht Zugeständnisse in eine soziale Richtung. Aber es ist widersprüchlich, dass die Kanzlerin gleichzeitig für die Länder an der Peripherie der EU eine Sparpolitik verfolgt, die gefährlich ist für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaften in der Euro-Zone.

ZEIT: Warum kritisieren Sie die Kanzlerin nur, anstatt sie aufzurufen, solche Sozialreformen auch Europa angedeihen zu lassen?

Tsipras: Merkel ist eine Pragmatikerin. Sie kann jede Politik verfolgen, die ihren Interessen entspricht in kürzerer oder mittlerer Sicht. Wenn sie glaubt, es nützt ihr und Deutschland, Griechenland aus dem Sparkurs zu entlassen, dann wird sie es tun.

ZEIT: In Griechenland reden Sie sehr abfällig über Merkel. Wie wollen Sie mit ihr arbeiten, wenn Sie an die Regierung kommen?

Tsipras: Ich werde sie weiter kritisieren, weil ich glaube, dass ihre Politik katastrophal für Griechenland und Deutschland ist. Sie verfolgt diese Politik, weil ihr bisher niemand entgegengetreten ist.

ZEIT: Wie wollen Sie das tun?

Tsipras: Politik ist eine Frage der Machtbalance. Derzeit profitiert Deutschland von der Euro-Krise. Nach Schätzung des deutschen Finanzministeriums hat Berlin durch die niedrige Verzinsung deutscher Anleihen über 40 Milliarden Euro verdient. Deshalb besteht kein Interesse, die Politik zu verändern. Während Deutschland verdient, ist Griechenland in einer humanitären Krise. Wir haben 30 Prozent Arbeitslose, 60 Prozent arbeitslose Jugendliche, ein Drittel Bürger ohne Versicherung. Das geht nur solange, wie keine Regierung sagt, genug ist genug. Genau das aber wird eine Syriza-Regierung tun.