Als sich Japans Elite vor einem guten halben Jahr in Buenos Aires präsentierte, waren nicht wenige Beobachter von der demonstrativ zur Schau gestellten Weltoffenheit beeindruckt. Tokio bewarb sich um das Austragungsrecht für die Olympischen Sommerspiele 2020, die kaiserliche Prinzessin Hisako war zugegen, einige der besten Sportler und der Premierminister Shinzo Abe. In seiner Rede versprach er, mit Tokio als Gastgeber würden "junge Japaner in noch größeren Zahlen raus in die Welt ziehen". Das Konzept hatte Erfolg, Tokio bekam den Zuschlag.

Allerdings scheint Shinzo Abe ein einseitiges Bild von Weltoffenheit vorzuschweben. Wenn es um die Akzeptanz von Ausländern geht, steht sein Land mit zunehmender Tendenz für das Gegenteil. Ende März offenbarte das Justizministerium: Nur sechs Personen wurden 2013 als Flüchtlinge aufgenommen. Während 3.260 Anträge auf Zuflucht in Japan einen historischen Rekordwert bedeuteten, ist die Anzahl der Aufnahmen die geringste seit 15 Jahren. Die meisten Bewerber kamen aus Myanmar, Nepal und der Türkei – allesamt Länder, mit denen Japan gute Beziehungen pflegt.

Mit einer Anerkennungsquote von 0,16 Prozent ist kein anderes Industrieland so restriktiv, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht. Auf die Bevölkerung des Landes gerechnet scheint Japans Hilfsbereitschaft noch bescheidener. Etwas über 127 Millionen Menschen leben hier. Seit Japan 1982 ein System für die Aufnahme von Flüchtlingen eingeführt hat, haben insgesamt nur 622 Menschen den Asylstatus erhalten. In Deutschland, wo 82 Millionen leben, wurden 2013 bei 80.978 Entscheidungen durch die Behörden 38,5 Prozent der Asylanträge abgelehnt, zwei Drittel aller Entscheidungen fielen zugunsten der Antragsteller aus

Fehlende Dokumente als Grund

"Die Zahlren sprechen für sich", sagt Jane Best, Vorsitzende der Flüchtlingsorganisation Refugees International Japan. "Japan gibt zwar wichtige Unterstützung für Entwicklungsprojekte im Ausland, aber die Behörden sind nicht gleichermaßen hilfreich, wenn es um Menschen geht, die hier Unterschlupf finden wollen." So drängt sich der Verdacht auf, dass sich die politische Führung durch großzügige Entwicklungshilfeleistungen von der Pflicht freikaufen will, bedürftige Ausländer aufzunehmen.

Denn die Beiträge, die Japan konkret an die UN-Flüchtlingskommission zahlen, haben über die Jahre zugenommen. Mit 252 Millionen US-Dollar hat das Land 2013 hinter den USA am zweitmeisten aller Geber eingezahlt, auch mehr als die Europäische Union. Nie zuvor hat Japan so viel gegeben. Die Tendenz der Beitragszahlungen aus Tokio ist seit Jahren steigend, wofür dem Land tatsächlich viel Anerkennung zukommt.  

Ein häufiges Argument der Japaner dafür, dass sie im eigenen Land so wenige Menschen in Not zulassen, ist der Mangel an Dokumenten der Bewerber. Als Unterzeichnerstaat der Genfer Konvention von 1951 ist zwar auch Japan eigentlich verpflichtet, Flüchtlingen Asyl zu gestatten. Doch müsse ja bewiesen werden, dass jemand gemäß der Konvention in seiner Heimat aufgrund seiner Ethnizität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, Sexualität oder Nationalität verfolgt wird. Wer das nicht kann, hat keine Chance. Nur: Dieses Grundsatzproblem gibt es auch in anderen Ländern, die sich wesentlich kulanter verhalten.

Aus globaler Perspektive ist die Absurdität dieser Praxis kaum zu übersehen. Durch geringe Geburtenraten schrumpft Japans Bevölkerung seit 2005. Diverse Versuche, zum Wohle der Wirtschaft ein positives Bevölkerungswachstum zu erzeugen, sind nicht gelungen. "Wir brauchen dringend neue Kinder", sagt Naohiro Ogawa, der an der Tokioter Nihon Universität zu Bevölkerungsökonomie forscht. Weil aber heute schon mehr Haustiere als Kinder unter 15 Jahren im Land leben, schließen jährlich um die 500 Schulen, vor allem mangels Nachfrage. "Viele andere Länder wären neidisch auf unsere Infrastruktur", sagt Ogawa. Nur wer aus dem Ausland kommt, darf sie fast nie nutzen.