Der senegalesische Präsident Macky Sall bei seinem Besuch im März 2014 in Berlin © DD Andersen/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Nachdem Sie 2012 den umstrittenen Staatspräsidenten Abdoulaye Wade in einem von Protesten begleiteten Wahlkampf am Ende friedlich besiegt haben, erscheint Senegal umso mehr als gefestigte Demokratie. Können andere afrikanische Staaten von Ihrem Land lernen?

Macky Sall: Unsere Stabilität gründet im Erbe der senegalesischen Kultur. Wir leben friedlich und tolerant zusammen. Nur ein Beispiel: Im Senegal gibt es 95 Prozent Muslime und weniger als 5 Prozent Christen. Trotz dieser Mehrheitsverhältnisse war der erste Präsident Leopold Sédar Senghor als Christ länger als 20 Jahre lang im Amt. Das harmonische Zusammenleben hat uns Gott sei Dank vor Tribalismus und Konflikten bewahrt, mit denen andere afrikanische Länder zu kämpfen haben. Das ist eine Chance für Senegal, und ich hoffe, dass wir unsere Erfahrung mit der ganzen Welt teilen können.

ZEIT ONLINE: Es gibt derzeit eine Debatte darüber, ob autoritäre Regimes in Afrika wirtschaftlich erfolgreicher sind als Demokratien. Als Beispiele werden Äthiopien oder Ruanda genannt. Warum glauben Sie an die Demokratie?

Sall: Man könnte tatsächlich versucht sein, Regierungen, die demokratische Regeln weniger beachten, für erfolgreicher zu halten. Die Erklärung ist schlicht ihre größere Effizienz. Da hält man sich nicht lange auf. Die Demokratie hingegen fordert enorm viel Zeit für Verfahren und Transparenz. Wir müssen zahlreichen Gruppen und Kriterien gerecht werden, und in der globalen Welt gilt das umso mehr – sehr effizient erscheint das nicht. Damit will ich mich nicht für die Autokratie aussprechen. Aber ich plädiere dafür, dass wir eine Formel finden müssen, die beides optimal zusammenbringt: Transparenz und bessere Wirksamkeit.

ZEIT ONLINE: Wie ist das möglich?

Sall: Ein Schlüssel ist Vertrauen. Ich sehe keinen Grund, zu glauben, dass Afrikaner nicht transparent regieren könnten. Es muss Regeln geben, die Führung muss kontrolliert werden. Deshalb habe ich für Aufsichts- und Berichterstattungspflichten gesorgt, gleich nach meinem Amtsantritt. Paradoxerweise gibt es in der Demokratie ja auch einen Beschleunigungseffekt. Der Präsident ist auf Zeit gewählt, er muss effizient regieren, wenn er für die zweite mögliche Amtszeit wiedergewählt werden will.

ZEIT ONLINE: An diesem Mittwoch nehmen Sie am EU-Afrika-Gipfel in Brüssel teil. Was erwarten Sie sich davon?

Sall: Europa ist Afrikas wichtigster Nachbarkontinent, die Geschichte hat uns eng miteinander verbunden. Erinnern Sie sich: In der deutschen Hauptstadt markierte vor fast 130 Jahren die Berliner Konferenz des Reichskanzlers Bismarck den Beginn von Afrikas kolonialer Aufteilung. Im Senegal sprechen wir bis heute Französisch, in anderen afrikanischen Ländern wird Englisch oder Portugiesisch gesprochen. Die historische Verantwortung Europas bleibt es, partnerschaftlich und solidarisch mit Afrika zusammenzuarbeiten. Ich hatte das Privileg, die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas zu leiten, und die fanden in diesem partnerschaftlichen Geiste statt. Investiert in Afrika und wir teilen den Profit! Wir brauchen Investitionen, und Europa hat – wie viele andere Länder der Welt – ein Interesse daran, Nutzen aus einem wachsenden Markt zu ziehen.

ZEIT ONLINE: So weit scheint es aber nicht her zu sein mit der Partnerschaft. Als die Ecowas-Regierungen am Wochenende in der Hauptstadt der Elfenbeinküste über das neue Handelsabkommen mit der EU sprachen, konnten sie sich nicht darauf einigen. Einige Staaten kritisierten, dass Europa 75 Prozent der Märkte innerhalb von 20 Jahren öffnen will – eine Liberalisierung, die auch Sie durchsetzen wollten.

Sall: Vorbehalte äußerten in Yamoussoukro die Nigerianer. Dabei sind auch sie nicht generell gegen das Abkommen, sie haben aber einschränkend gesagt: Wir müssen unsere eigenen Industrien besser schützen. Denn Afrika steht noch am Anfang seiner Industrialisierung, wir sind nicht auf dem gleichen Niveau wie die EU. Generell hat Ecowas das Handelsabkommen also akzeptiert. Aber es wurde eine Kommission gebeten, diese Frage der schrittweisen Liberalisierung noch einmal mit Nigeria, Senegal, Ghana und Elfenbeinküste zu erörtern. Zwei Monate lang haben wir jetzt Zeit, um zu klären, wie das Abkommen Europas Engagement gerecht wird, uns bei der Entwicklung der Infrastruktur zu unterstützen, aber zugleich unsere Industrien wettbewerbsfähig macht.