Manuel Valls ist kein Geschöpf der französischen Elite. Er ist sein eigener Mann, mit seinen eigenen Gesetzen. Seine Maxime lautet: der Gesellschaft näher sein als dem Apparat! Ein alter Spruch der Basissozialisten seines Mentors Michel Rocard. Aber Valls hat ihn beherzigt. Das hat ihn in den vergangenen zwei Jahren der Amtszeit von Präsident François Hollande zu Frankreichs populärstem Politiker gemacht – weit vor den Idolen der Rechten, weit vor Nicolas Sarkozy und Marine Le Pen.

Das hat ihm jetzt das zweithöchste Amt der französischen Republik beschert: Premierminister. Für manche ein Schleudersitz, von Gnaden des Präsidenten. Für Valls der Fahrstuhl nach ganz oben?

Valls steht in der Tradition einer großen französischen Stärke: der erfolgreichen Integration europäischer Immigranten. Sein Großvater, ein Anarchist aus Barcelona, floh vor Franco nach Frankreich, sein Vater, ein Maler, etablierte sich in Paris. Er lehrte seinem Sohn Katalanisch. Aber mit 20 Jahren entschied sich der junge Valls für die französische Staatsbürgerschaft. Es ist eine bewusste Entscheidung für die laizistische Republik, gegen Kirche und Dünkel.

Der neue Premier war also nicht schon immer Franzose, hat sich selbst für die Tricolore entschieden. Vielleicht gibt ihm das heute diese schlafwandlerische Sicherheit, mit der er die heiligen Kühe seiner eigenen Partei mit Füßen tritt, um am Ende jedes Mal als der bessere Patriot dazustehen. Er kritisiert die 35-Stunden-Woche, er wirft eine junge Roma aus dem Land, er verbietet einem Kabarettisten aufgrund seiner antisemitischen Witze das Handwerk. Er macht alles, was seine Partei, die Sozialisten, ärgert. Aber eben auch alles, was dem normalen Franzosen erst einmal selbstverständlich vorkommt.

Es wird richtig weh tun

Nun muss er freilich noch eins drauflegen. Aus dem erfolgreichen Pariser Vorstadtbürgermeister und durchgreifenden Innenminister muss ein veritabler Staatsmann werden. Denn der Berg unerledigter Aufgaben, der sich vor dem Regierungschef heute auftürmt, ist hoch. Valls muss noch binnen einer Monatsfrist ein Sparprogramm über 50 Milliarden Euro verteilt auf drei Jahre vorlegen. Das wird richtig weh tun. So etwas haben die Franzosen noch nie ertragen. Valls muss es ihnen beibringen. Und mehr noch. Er muss mit seiner linken Partei ein Reformprogramm durchs Parlament bringen, dass die Unternehmen entlastet – damit endlich wieder investiert wird.

Doch das ist Wasser auf die Mühlen seiner zahlreichen parteiinternen Gegner. Es ist ein Alarmzeichen für Valls: Um nicht bald als seine Retter dazustehen, haben die Grünen mit ihren 15 Abgeordneten schon jetzt das Regierungsbündnis verlassen. Folglich hat der Premier im Parlament kaum mehr Spielraum: Er braucht seine Partei geschlossen hinter sich. Ausgerechnet er, der Querdenker und Antreiber.

Und doch hat Valls eine Chance. Fast jeder Franzose weiß, dass Reformen überfällig sind. Die meisten, auch vom gegnerischen politischen Lager, werden froh sein, wenn Valls endlich etwas in Bewegung setzt. Wer ihn daran hindert, könnte leicht allen politischen Kredit verspielen.

"Sarkozy der Linken"

Zudem hat Valls einen Schutzpatron – Präsident Hollande. Der kann mit Verordnungen durchsetzen, was Valls nicht durchs Parlament bekommt. Zwar ist Hollande derzeit der unpopulärste Präsident in der Geschichte der fünften Republik. Aber mit Valls an der Regierungsspitze dürfte sich das schnell ändern – und dann wäre auch der derzeit noch geschmähte Hollande wieder handlungsfähig.

Den "Sarkozy der Linken" nennen seine parteiinternen Gegner Valls, oder sie sagen sorgenvoll, er könne sich als "französischer Schröder" entpuppen. Wer weiß, vielleicht steht er am Ende wieder als der bessere Franzose da.