Ein UN-Untersuchungsausschuss will Nordkorea wegen "beispielloser Menschenrechtsverletzungen" zur Rechenschaft ziehen. "80.000 bis 120.000 Menschen sitzen in Lagern für politische Häftlinge, Millionen Menschen leiden. Der Hunger ist unvorstellbar", sagte der Vorsitzende der Kommission, Michael Donald Kirby, am Donnerstagabend nach einem informellen Treffen des UN-Sicherheitsrats in New York. "Die Menschen essen Gras und kleine Nagetiere, während das Regime die viertgrößte Armee der Welt unterhält und moderne Jagdflugzeuge kauft." Der Rat solle die Verantwortlichen für die "Verbrechen, die das Gewissen der Menschheit erschüttern" mit Sanktionen belegen sowie den Internationalen Strafgerichtshof einschalten.

Der pensionierte australische Richter Kirby ist Chef einer Expertenkommission, die im Auftrag der Vereinten Nationen Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea untersucht. Das Gremium hatte bereits im Februar einen Bericht vorgelegt, in dem es Nordkorea "Ausrottung, Mord, Versklavung, Folter, Haft, Vergewaltigung, erzwungene Abtreibungen" vorwirft sowie zahlreiche weitere Verbrechen. Dazu gehören Zwangsumsiedlungen und das Aushungern von Bevölkerungsgruppen. Die Regierung in Pjöngjang kooperierte nicht mit der UN, Untersuchungen vor Ort waren deshalb nicht möglich. Der Untersuchungsausschuss stützte sich stattdessen auf Aussagen von mehr als 80 Nordkoreanern, denen die Flucht gelungen war.

Ein ehemaliger Häftling berichtete, wie er die Leichen von Verhungerten verbrennen und ihre Asche als Dünger verteilen musste. Andere waren gezwungen, ihre unterernährten Babys mit Mäusen und Schlangen zu füttern. Für die Verbrechen könnten nach Einschätzung der Kommission "mehrere Hundert" Menschen verantwortlich sein. "Ein Großteil der Verantwortung" wird der Staatsführung zugewiesen.

China und Russland fehlten

Die USA, Frankreich und Australien hatten die Sitzung beantragt, um erstmalig über den Bericht Kirbys zu beraten. China, Nordkoreas engster Verbündeter, und Russland waren als einzige Mitglieder der Sitzung ferngeblieben.

Kirby sagte, dass er dennoch mit breiter Unterstützung für die Forderung seiner Expertengruppe rechne. "Auch China muss besorgt sein, ein Land vor der Tür zu haben, das Atomwaffen und Trägersysteme hat und dabei noch so instabil ist." Es sei eine Ironie, dass die USA Nordkorea aus humanitären Gründen mit Nahrung versorgten und das Regime in Pjöngjang der Bevölkerung gegenüber behaupte, diese Lebensmittel seien Reparationen, die die USA zahlen müssten.

Der Bericht ist UN-Angaben zufolge auch an Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un geschickt worden. "Denn er ist der Hauptverantwortliche, alle Drähte laufen bei ihm zusammen", sagte Kirby. "Deshalb wäre er auch der erste Adressat einer Anklage." Nordkorea nannte den Bericht eine "extrem gefährliche" politische Provokation.