Die Angst der Polen vor Russland erreicht in diesen Tag ihren historischen Höchstwert. Die letzte Umfrage des staatlichen Instituts CBOS ergab, dass 47 Prozent der Polen die Unabhängigkeit ihres Landes durch Putins Außenpolitik in der Ukraine gefährdet sehen. Das sind sechs Prozent mehr als 1991 – als die Sowjetunion zerfiel und Russland ins politische und wirtschaftliche Chaos stürzte.

Damals galt Russland als unberechenbar, schließlich musste die Sowjetunion den Zerfall ihres Reiches hinnehmen und auch den festen Griff lösen, mit dem es Polen zuvor jahrhundertaelang umklammert hatte. Militärisch hat sich an dem Ungleichgewicht zwischen dem starken Russland und dem kleinen Polen nicht viel geändert. Außerdem ist Russland seit dem Fall des Eisernen Vorhangs durch seine Rohstoffe wirtschaftlich erstarkt. Zur historischen Angst kommt heute die Abhängigkeit von russischen Energieexporten hinzu.

In Polen fällt in diesen Tagen oft der Vergleich zwischen den aktuellen Ereignissen in der Ukraine und der gescheiterten Appeasement-Politik gegen Hitler-Deutschland. Der Moskau-Korrespondent der liberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza Waclaw Radziwinowicz verglich die Genfer Konferenz mit dem Münchener Abkommen 1938. Damals wie heute hätten die westlichen Politiker geglaubt, Frieden geschlossen zu haben. In München akzeptierte Europa Hitlers Annexion des Sudetenlandes. In Genf sei um des Friedens Willen die von Russland besetzte ukrainische Krim nicht mal Thema der Abkommens gewesen.

US-Soldaten an der polnischen Ost-Grenze

Die Lage in der Ukraine beunruhigt polnische Politiker. So sehr, dass sie kurzfristig selbst politische Erzfeinde vorübergehend versöhnte. Vor ein paar Wochen hatte die Opposition geschlossen dem Premier Donald Tusk applaudiert, als dieser Russlands Manöver scharf kritisierte und der Ukraine seine Hilfe zusicherte. Inzwischen ist die Einigkeit wieder vorbei – Oppositionsführer Jaroslaw Kaczyński fordert noch mehr und konkrete Unterstützung für Kiew. Wie besorgt Polen bei dieser klaren Haltung tatsächlich ist, zeigt das Hilfegesuch an die USA. Warschau bat in Washington um amerikanische Soldaten, die an Polens Grenze zur Ukraine stationiert werden sollten. Am Mittwoch landeten bereits 150 von ihnen. In Warschau hofft man, dass sie Russland von einem möglichen Angriff abschrecken könnten, da Moskau nie einen Krieg mit den USA riskieren würde.

In Polen glaubt keiner, dass sich Russland an das Genfer Abkommen halten wird. "Wegen Russland wird es, was Gott verhüten möge, zur Teilung der Ukraine und womöglich auch zum Zerfall des ukrainischen Staates, kommen", sagte Premier Tusk am Mittwoch, gleich zu Beginn seiner Europareise. In den kommenden Tagen will er mit Europas wichtigsten Politkern über die Ukraine – und über seine eigenen Sorgen – sprechen. Am Freitag trifft Tusk Angela Merkel in Berlin.

Polen zahlt für seine westliche Haltung einen hohen Preis. Für 1.000 Kubikmeter Erdgas muss es 525 Dollar an Russland überweisen – ein Drittel mehr als Deutschland und die restlichen westlichen Länder, obwohl das Gas durch ein und dieselbe Pipeline fließt. Polen bezieht 70 Prozent seiner Gas- und 93 Prozent Öllieferungen aus Moskau. Kaum ein EU-Staat ist so abhängig von russischen Energieimporten wie Polen. Deshalb wird Tusk auf seiner Europareise auch für die Idee einer gemeinsame Energiepolitik werben.